Coronavirus: Abschaetzung der Letalitaet

Holgy

Kommischer Foggel Fußballromantiker
Moderator
In München sowie im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, wo der erste große Ausbruch war, wird nun empirisch ermittelt, wie hoch die Zahl der Infizierten ("Dunkelziffer") nun wirklich ist.

Weltweit könnte es zehn Mal so viele Corona-Infizierte geben
Göttinger Forscher vermuten sogar, dass bisher im Durchschnitt nur sechs Prozent der Infektionsfälle nachgewiesen wurden. Andere finden diese Schätzungen zu hoch. Nun sollen die richtigen Zahlen ermittelt werden, zumindest für Deutschland.

Das bringt dann vielleicht endlich Klarheit und ist sehr wichtig für die weitere Entwicklung hinsichtlich der Lockerung des Lockdowns.
 

Detti04

The Count
Ich sage voraus, dass die Leute sehr enttaeuscht sein werden. Die Dunkelziffer ist naemlich vermutlich viel kleiner, als die meisten Leute hoffen. Die Leute behandeln die Coronavirus-Zahlen naemlich immer noch so, als waeren es die Zahlen von Grippeinfizierten, dabei ist die Ermittlung der Zahlen hier ganz anders.

Bei der Grippe werden nur diejenigen erfasst, die als Grippefall ins Krankenhaus kommen. Wenn Herr Schmidt ins Krankenhaus kommt, dann geht niemand hin und fragt, ob sonst noch jemand in seiner Umgebung erkrankt ist, testet diese und addiert alle positiven Faelle zu einer Liste von Grippefaellen, selbst wenn die Symptome der positiv Getesten noch so gering sind. Beim Coronavirus macht man aber genau das.

Um es mal so zu sagen: Bei den Grippefaellen ist es wie beim Angeln - man kriegt immer nur einen auf einmal. Damit sieht man nur einen Bruchteil des Schwarms. Bei den Coronavirus-Faellen wirft man aber schon bei jedem einzelnen Fall ein Netz aus und faengt alles, was man zusaetzlich kriegen kann - da bleibt nicht viel ungefangener Schwarm uebrig.

Um mal eine Zahl anzugeben: Ich schaetze, dass die Dunkelziffer in Deutschland maximal doppelt so hoch ist wie die Zahl der bekannten Faelle, d.h. dass die Zahl der bekannten Faelle mindestens 1/3 aller Faelle entspricht.
 

Gaudloth

Bratze
Ich denke auch, dass wir uns in der Größenordnung "bekannte Fälle mal 2 bis 3" bewegen. Ob das dann eine hohe, mittlere oder niedrige Dunkelziffer, sei mal dahingestellt.
Allerdings weiß ich von vielen Menschen mit Symptomen, die nicht getestet werden, solange kein Kontakt mit einer infizierten Person bekannt ist. Zumindest war das vor 2 Wochen noch öfter der Fall.
 

Detti04

The Count
Ein Faktor von 2 bis 3 waere klein. Der von Holgy verlinkte Artikel spricht von einem Faktor 10, die dort erwaehnten Goettinger Forscher von einem Faktor 16. Die meisten anderen Staaten werden natuerlich eine (deutlich) groessere Dunkelziffer als Deutschland haben, aber selbst dort wird man nur in den seltensten Faellen auf Faktor 10 kommen. Es gibt eine Studie, in der gesagt wurde, dass die bekannten Faelle in China nur 14% aller Faelle ausmachten, das waere dann ein Faktor 7. Nur: Diese Studie bezieht sich auf den Zeitraum vom 10. Januar bis zum 23. Januar, und in der ersten dieser beiden Wochen gab es ueberhaupt noch keinen Test! (Der erste Virustest kam am 17. Januar raus.)

Falls nicht klar ist, wieso ich meine, dass viele Leute auf eine hoehere Dunkelziffer hoffen:
a) Eine moeglichst hohe Dunkelziffer wuerde bedeuten, dass der Ausbruch schon weiter fortgeschritten ist, als gedacht.
b) Je hoeher die Dunkelziffer, um so kleiner die Letalitaet, denn die Zahl der beobachteten Todesfaelle kann man ja nicht wegdiskutieren. Man scheint ja offiziell immer noch zu glauben, dass die Letalitaet 0,5% betraegt.

Sowohl a) und b) waeren gute Nachrichten, weil man die beobachteten Zahlen nicht wegzaubern kann. Die beobachteten Zahlen stammten dann aber aus einem weiter fortgeschrittenen Ausbruch als angenommen.
 

Detti04

The Count
Ich traue den Zahlen der Zwischenauswertung aus Gangelt nicht so recht. In den Berichten dazu heisst es u.a.:

"[...] Der Zwischenstand, den Streeck nun am Donnerstag präsentierte, und den die Politik bei ihren anstehenden Entscheidungen zumindest im Hinterkopf haben dürfte, beruht auf den Auswertungen der Ergebnisse von 509 untersuchten Personen, also etwa der Hälfte aller Probanden.
[...]
In Gangelt aber, so viel sei klar, hätten 15 Prozent aller Einwohner eine Infektion mit dem Virus – bemerkt oder unbemerkt – bereits durchlaufen, [...]

Lediglich etwa 0,37 Prozent der Infizierten in Gangelt starben ihrer Studie zufolge; die John Hopkins Universität geht dagegen für Deutschland von einer fünffach höheren Quote aus (1,98 Prozent). [...]"


Corona-Epidemie in Deutschland: Der Disput der Virologen

Wenn von den 509 untersuchten Personen 15% eine Infektion hatten, dann entspricht das 509*0,15 = 76 Infizierten. Okay, verstehe ich. Wie aber sind von 76 Infizierten 0,37% gestorben? Schlieslich ergibt 76*0,0037 = 0,28 - ist da eine Person zu einem Viertel tot? Vermutlich nicht, denke ich... Stattdessen nehme ich an, dass Streek den Prozentsatz der Infizierten in der Kohorte von 509 Personen auf die Einwohnerzahl von ganz Gangelt (ca.12.500) hochgerechnet und anschliessend die Zahl der Corona-Toten in Gangelt durch diesen hochgerechneten Wert geteilt hat. Wenn es in Gangelt ca. 7 Corona-Tote gab, dann kann da schon die Zahl 0,37% herauskommen, denke ich.

Nur: Wenn ein Drittel der infizierten Faelle aber schon vorher bekannt war, dann betrug auch die Zahl der Todesfaelle pro bekanntem Infizierten in Gangelt kaum mehr als 1%. Wie passt das dazu, dass im ganzen Kreis Heinsberg die Zahl der Todesfaelle (48) pro bekanntem Infizierten (1537) bei 3,1% liegt? Im Rest des Kreises Heinsberg muesste die Dunkelziffer demnach dreimal so gross sein wie in Gangelt. Mir erscheint das sehr unwahrscheinlich.

Mir erscheint es wahrscheinlicher, dass die Aussagekraft einer kleinen Zahl, also die der (bisherigen) Todesfaelle in Gangelt, hier ueberschaetzt wird. Nicht nur, weil die Zahl moeglicherweise zufaellig kleiner ist, als sie sein sollte (was der Vergleich mit den Zahlen des gesamten Kreises nahelegt), sondern auch, weil ein kleiner Ort sicherlich nicht repraesentativ fuer den Rest Deutschlands ist.
 
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HoratioTroche

Zuwanderer
Wenn ich ihn richtig verstanden habe, bezieht er die Todesfälle auf eine ganze Gruppe, nicht auf Infizierte oder Getestete. Weil er sagt, dass diese Gruppen in verschiedenen Ländern unterschiedlich groß sind (Getestete) oder die Dunkelanteile nicht als gleich angenommen werden können. Und dann sind die Werte nicht vergleichbar.
 

Detti04

The Count
Eine Todesrate von 0,37% der Bevoelkerung waere aber extrem hoch, wenn nur 15% der Bevoelkerung infiziert sind, und entspraeche einer Letalitaet des Virus von 2,5%. Das waere alles andere als ein Grund zur Entwarnung.

EDIT: Ich hab jetzt den kurzen Zwischenbericht gelesen. Der Wert von 0,37% ist auf alle Infizierten bezogen und meint somit die "infection fatality rate" (IFR), d.h. die Letalitaet. Im Dokument wird die Letalitaet aber als "case fatality rate" bezeichnet.

Den Zwischenbericht gibt es hier:

https://www.land.nrw/sites/default/files/asset/document/zwischenergebnis_covid19_case_study_gangelt_0.pdf

Es wird behaupet, dass die Studie repraesentativ sei, aber das glaube ich erst, wenn ich die Alterstruktur der Teilnehmer gesehen habe.
 
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Detti04

The Count
Im Zwischenbericht gibt es uebrigens einen Satz, den ich ueberhaupt nicht verstehe:

"[...] Durch Einhalten von stringenten Hygienemaßnahmen ist zu erwarten, dass die Viruskonzentration bei einem Infektionsereignis einer Person so weit reduziert werden kann, dass es zu einem geringeren Schweregrad der Erkrankung kommt, [...]"

Auch bei der Pressekonferenz wurde gesagt, dass die Schwere der Krankheit davon abhaengt, wieviele Viren man anfangs aufnimmt. Kann das sein? Ist das auch bei anderen Corona- oder Grippeviren so? Kennt sich jemand damit aus? Ich finde die Aussage naemlich wenig nachvollziehbar, weil sich im Koerper doch um Groessenordnungen mehr Viren bilden sollten, als man anfags von anderswo aufnimmt.
 

Holgy

Kommischer Foggel Fußballromantiker
Moderator
Ja, das kann sein, soweit ich weiß, ist das so: Je weniger Viren Du "zu Dir nimmst", desto eher wird Dein Immunsystem damit fertig. Und je weniger Viren Du aufnimmst, desto langsamer vermehren die sich in Dir. Was dem Immunsystem auch größere Chancen gibt, gegen die Viren zu gewinnen.
 

Detti04

The Count
Kannst Du mir einen Link zu einem wissenschaftlichen Artikel geben? Abgesehen von der Moeglichkeit, dass man moeglicherweise gar nicht erst krank wird, wenn die Anzahl der aufgenommenen Viren unter einem Schwellwert bleibt, leuchtet mir das naemlich echt nicht ein.
 

Holgy

Kommischer Foggel Fußballromantiker
Moderator
Viral load and humoral immune response in association with disease severity in Puumala hantavirus-infected patients--implications for treatment. - PubMed - NCBI

Ich habe nur den einen spontan bei der Hand, ich weiß aber nicht genau, ob der das Thema trifft.

Wenn Du Lust hat, kannst Du bei pubmed auch selber suchen, dass ist die größte und anerkannteste medizinische Fachdatenbank zu Artikeln aus Bereichen der Medizin.

Ein allgemeiner Artikel zum Thema ist mit nicht bekannt, aber ich kann bei Gelegenheit mal schauen oder falls mir einer über den Weg läuft, poste ich den.
 
Niemand hätte sich ausmalen können das Ostern 2020 ganz im Zeichen von Covid-19 stehen würde.Und das Global gesehen.Weltweit sind sind viele Menschen an dem Virus verstorben und ein Ende ist nicht absehbar.

Zu Weihnachten habe ich nur einen Wunsch.Und zwar das wir bis dahin den kleinen Dreckskerl Paroli bieten können und sich unser aller Leben ein Stück weit normalisiert.Passt weiterhin auf euch und euer Umfeld auf und bleibt hoffentlich gesund.

Frohe Ostern.
 

Detti04

The Count
Neues von der IFR (wenn auch sehr indirekt): In Hamburg hat man in weniger als 1% von Blutproben Antikoerper gegen das Coronavius nachweisen koennen.

UKE - Pressemitteilung - Nur geringe Anzahl an Blutspendenden weist Antikörper gegen neuartiges Corona-Virus auf

Allerdings wurde nicht bei einer reprasentativen Stichprobe der Bevoelkerung getestet, sondern bei Blutspendern. Blutspender sind aber sicher nicht repraesentativ fuer die Gesamtbevoelkerung, denn man darf ja beispielsweise ab einem bestimmten Alter nicht mehr spenden. Die Stichproben sahen so aus:

"[...] Im Zeitraum vom 6. bis 10. April wurde bei 300 Blutspendern nur eine bisher unbekannte SARS-CoV-2-Infektion serologisch nachgewiesen (0,3 Prozent), im Zeitraum vom 4. bis 6. Mai waren es bei 288 Blutspendern zwei bisher unbekannte SARS-CoV-2-Infektionen (0,7 Prozent) und im Zeitraum vom 2. bis 5. Juni bei 326 Blutspendern erneut nur eine bisher unbekannte SARS-CoV-2-Infektion (0,3 Prozent). [...]"


Man beachte auch, dass die Prozentwerte auf sehr kleinen absoluten Zahlen von positiven Testergebnissen beruhen. In Hamburg sind bisher 254 Menschen am Coronavirus gestorben, was bei einer Bevoelkerung von knapp 1,9 Mio einen Durchschnitt von etwa 134 Todesfaellen pro 1 Mio Einwohnern ergibt. Das ist etwas hoeher als der bundesweite Schnitt von 105 Todesfallen pro 1 Mio Einwohner, liegt aber in derselben Groessendordnung.

Wenn wir jetzt also (etwas grosszuegig) annehmen, dass in Hamburg tatsaechlich 1% der Bevoelkerung Antikoerper aufweist, dann entsprache das 10.000 gesundeten Infizierten pro 1 Mio Einwohner. Die IFR in Hamburg laege dann also bei (134 Todesfaelle)/(10.000 Gesundete + 134 Todesfaelle) = 1,3%.

Nun will ich mich sicher nicht auf die Zahl von 1,3% festlegen. Trotzdem scheint mir das ein weiteres Indiz dafuer, dass die IFR bei etwa 1,0% oder sogar darueber liegt.
 

Holgy

Kommischer Foggel Fußballromantiker
Moderator
In der wissenschaftlichen Zeitschrift nature, eine der rennomiertesten überhaupt, ist ein interessanter Artikel erschienen, der abschätzt, was die getroffenen Maßnahmen ("non-pharmaceutical interventions") in ausgewählten europäischen Ländern (u. a. germany) so gebracht haben:

Estimating the effects of non-pharmaceutical interventions on COVID-19 in Europe

https://www.nature.com/articles/s41586-020-2405-7_reference.pdf

Tabelle Seite 15: Wie viele gestorben sind und wie viele gestorben wären, hätte es keine Maßnahmen gegeben.
 
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