Artikel: Kassel im Herbst

SaintWorm

Bolminator
Moderator
Rang 11 in der Tabelle, wütende Proteste einiger Fans während eines Heimsieges, Drohungen gegen Spieler und Trainer sowie Sponsoren, die in der Presse kritisieren und Aufklärung fordern.

Man kann wohl - ohne große Widersprüche zu ernten - sagen, dass der KSV Hessen Kassel momentan kein gutes Bild in der Öffentlichkeit abgibt.

Aber es geht um viel mehr als nur das öffentliche Image des Clubs, dem Verein stehen wohl noch einige unbequeme und richtungsweisende Wochen bevor. Der Versuch einer chronologischen Auflistung der Ereignisse:

April 2011:

Mirko Dickhaut wird nach einem 0:0 beim KSC II entlassen. Zu diesem Zeitpunkt liegt der KSV noch auf Rang 1 der Tabelle, die Verfolger haben aber ein Spiel weniger absolviert.

Einen Tag später löst Christian Hock seinen Vertrag beim FC Homburg auf und unterschreibt bis zum Saisonende beim KSV.

Mai 2011:

Der KSV verpasst den Aufstieg in die 3. Liga. In 5 Spielen unter Hock holte die Mannschaft 7 Punkte, das reicht nicht, da Verfolger Darmstadt 98 seine 9 letzten Saisonspiele allesamt gewann.

Der Vorstandsvorsitzende Jens Rose und der Vorsitzende des Aufsichtsrats Christian Kropf legen beide nach langjähriger Tätigkeit für den KSV ihre Ämter nieder. Neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates wird Dirk Lassen.

Einen Tag später wird die einjährige Vertragsverlängerung mit Christian Hock bekanntgegeben. Geschäftsführer Giuseppe Lepore dazu:

„Wir freuen uns sehr, dass unser Wunschkandidat auch in der kommenden Saison die Mannschaft betreut.“


Juni 2011:

Die Ausmusterung von Thorsten Bauer, langjähriger Torjäger des Vereins, ruft sehr unterschiedliche Reaktionen im Umfeld von Hessen Kassel hervor und verursacht somit Unruhe. Hock zu seiner Entscheidung:

„Bauer spielt in unseren sportlichen Planungen keine Rolle. Wir wissen um seine Verdienste, aber er passt nicht in das System, das wir spielen wollen.“

Da man sich der Verdienste von Bauer bewusst sei, habe der Vorstand ihm eine Position im Marketing des Vereins (welche extern über die Vermarktungsfirma von Joe Gibbs läuft) angeboten. Eine Zusammenarbeit kam aber nicht zustande.

Am 20.6. berichtet die HNA, Bauer müsse mit anderen aussortierten Spielern in der Kasseler Aue seine Runden drehen und nähme nicht mehr am Mannschaftstraining teil. Hock stelle in Aussicht, dass die Gruppe um Bauer dies dauerhaft tun werde.

Auch im Vereinsvorstand gibt es unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit Bauer. Thorsten Schönewolf sieht das Einzeltraining kritisch, es sei eine Katastrophe wie alles gelaufen sei, eine Eskalation vermeidbar gewesen. Sein Vorstandskollege Albrecht Striegel ist wiederum anderer Meinung. Es handele sich um eine übliche Vorgehensweise, auch andere Vereine ließen ihre ausgemusterten Spieler gesondert trainieren:

„Sollen wir jetzt auch noch ein Sondertraining für Fußballgötter anbieten?“

Am 22.06. tagt der Aufsichtsrat mit folgenden Ergebnissen: Thorsten Schönewolf (ihm wurde ein Rücktritt nahegelegt) und Albrecht Striegel (er bot von sich aus einen Rücktritt an) sind nicht mehr Vorstandsmitglieder von Hessen Kassel. Die Einzeltrainingsmaßnahme für Thorsten Bauer ist aufgehoben, es werden Gespräche mit dem Stürmer geführt.

Bei der Vorstellung der neuen Mannschaft am 26.06. gibt Aufsichtsratvorsitzender Lassen Fehler im Umgang mit Bauer zu: "Wir haben Mist gebaut." Trainer Hock findet diese Beurteilung okay, ahnt aber, dass er von einigen als Verlierer dieser Angelegenheit wahrgenommen wird und sich selbst unter Druck gesetzt hat:

„Wenn ich die ersten Spiele nicht gewinne, wird mein Kopf gefordert.“

Die Rechtsanwälte Christian Franz und Joachim Jasper vervollständigen den KSV-Vorstand.

Juli 2011:

Die Posse um Thorsten Bauer findet ein Ende. Sein bis 2012 gültiger Vertrag wird aufgelöst, eine Weiterbeschäftigungsmöglichkeit im Verein wurde für ihn nicht gefunden. Bauer beendet seine Karriere und konzentriert sich auf seine berufliche Laufbahn.

Der Vertrag mit Hauptsponsor VW wird um ein Jahr verlängert.

August 2011:

Der Saisonstart ist misslungen, auf ein Remis im Auftaktspiel gegen Freiburg II, folgt eine Niederlage bei Bayern Alzenau. Trainer Hock bittet die Spieler zum Straftraining, Geschäftsführer Lepore erwägt Neuverpflichtungen, Aufsichtsratvorsitzender Lassen ist "geschockt und sprachlos" aufgrund der gezeigten Leistungen.

Es folgen zwei Siege gegen die beiden Frankfurter Zweitvertretungen.

September 2011:

Durch ein 4:0 gegen Fürth II startet man gut in den September und nähert sich langsam den Spitzenrängen der Tabelle. Doch der Positivlauf hält nicht lange, aus den nächsten 3 Spielen holt der KSV nur einen Punkt.

Der Trainer der Frauenmannschaft und der U23, Wolfgang Zientek, wird mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Der Verein hierzu:

„Aufgrund von aktuell bekannt gewordenen Vorfällen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Trainer der Frauenmannschaft, ist das Vertrauensverhältnis unwiderruflich zerstört. Wir haben die Verantwortung, weiteren Schaden vom Verein abzuwenden. Es gibt keinerlei Basis für eine weitere Zusammenarbeit.“

Zienteks Entlassung ruft Proteste bei den von ihm betreuten Mannschaften hervor. 15 Spielerinnen der Frauenmannschaft ließen verlauten:

„Hiermit bestätigen wir, die Unterzeichnerinnen dieses Schreibens, dass Herr Wolfgang Zientek uns, die Spielerinnen der Frauenmannschaft des KSV Hessen Kassel, zu keiner Zeit sexuell belästigt oder gar genötigt hat.“

Die Spieler der U23 traten zum nächsten Ligaspiel wohl nur an, da Zientek im Stadion anwesend war und ein ausgesprochener Platzverweis gegen ihn vom Aufsichtsratsvorsitzenden Lassen zurückgenommen wurde.

Noch schwerer wiegt allerdings der Widerstand des U23- und Frauenmannschaft-Mäzens Gerhard Klapp, der mit seinem Geld die angesprochenen Sparten des Fussballvereins finanziert. Zientek wurde auf Betreiben von Klapp als Trainer im U23- und Frauenbereich installiert und gilt als enger Vertrauter des Kosmetikunternehmers.
Im regionalen Magazin "Extra Tip" meldet sich Klapp nun zu Wort:

„Man hat was gesucht, um Wolle einzusparen [...] Wir haben eine Notstandssitzung nach der anderen. Ich habe letztes Jahr 250.000 Euro in den Verein gepumpt [...] In Zukunft werde ich die F- bis A-Jugendabteilungen bezahlen. Aber nicht mehr die Frauen- und U-23-Mannschaft.“

Der KSV geht auf diese Äusserungen in einer Stellungnahme auf der Homepage des Vereines ein:

„Der KSV Hessen Kassel möchte auf die Meldungen in den Medien am vergangenen Wochenende eingehen. So war zu lesen, dass Gerhard Klapp 250.000 Euro in der letzten Saison in den KSV investiert habe. Der Verein stellt richtig, dass diese Summe bei Weitem nicht der Realität entspricht."

Desweiteren dementiert der Verein "Notstandssitzungen" und finanzielle Hintergründe bei Zienteks Entlassung.

Im Zuge dessen verzichtet der KSV auf eine weitere Unterstützung durch Klapp und beendet das Sponsorenverhältnis. Ein lapidarer Kommentar Klapps nach dieser Entscheidung:

“Der Verein ist klinisch tot. Da nützt kein Arzt mehr etwas.”

In der Zwischenzeit geht der Verein in der Presse detaillierter auf die Vorwürfe gegen Zientek ein und versucht so die Kritik rund um dessen Entlassung abflachen zu lassen.

Claus Schäfer wird neuer sportlicher Leiter beim KSV und füllt somit die Vakanz, die durch Schönewolfs Ausscheiden im Juni entstanden war.

Die "Initiative KSV" gründet sich mit dem Ziel, eine außerordentliche Mitgliederversammlung ins Leben zu rufen, auf der unter anderem über die Abwahl von Dirk Lassen entschieden werden soll.

Rund um den 1:0-Heimsieg gegen Pfullendorf kommt es zu lautstarken Protesten gegen Mannschaft, Vorstand und Trainerteam. Auf der anschliessenden Pressekonferenz berichtet Hock, dass seinen
Spielern in den vergangenen Tagen Schläge angedroht wurden und er selbst eine Morddrohung erhalten habe:

"Ich werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, damit diese Leute so schnell wie möglich gefunden und zur Verantwortung gezogen werden“

Oktober 2011:

Anfang Oktober stellt sich die sportliche Lage der 1. Mannschaft recht trübe dar. Mit 9 Punkten Rückstand auf Platz 1 liegt man auf dem 9. Rang der Tabelle. Trainer Hock steht in Fanforen und Medien immer wieder zur Debatte, doch die sportliche Leitung hält weiterhin an ihm fest.

Hauptsponsor VW meldet sich in einem offenen Brief zu Wort:

"Die Vorfälle nach dem letzten Heimspiel haben uns erschüttert und wir denken sehr ernsthaft über Konsequenzen nach. [...] Wenn dies das Gesicht des KSV ist, das die Mehrheit der Fans will, ist es nicht mehr unser Verein, mit allen Konsequenzen. Wir werden einem solchen Kesseltreiben nicht mehr lange zusehen."

Desweiteren weist VW daraufhin, dass nun alle auf dem Prüfstand stünden: Aufsichtsrat, Vorstand, Trainerteam, Mannschaft und auch die Fans.

Sportlich hat dieser Brief keine positiven Folgen, die nächsten beiden Spiele gehen verloren und inzwischen findet sich der KSV auf Rang 11 der Tabelle wieder. Der Verein hält auch weiterhin an Christian Hock fest. Dieser zeigt sich in einem HNA-Interview kämpferisch:

"Der Glaube an die Mannschaft ist weiterhin vorhanden [...] Ich bin keiner, der von seinem Weg abweicht."

Das Duo Klapp-Zientek versuchte währenddessen sein Glück anderswo. Man wurde beim TSV Süsterfeld-Helleböhn vorstellig mit dem Ziel, die Jugendarbeit zu unterstützen und eine Seniorenmannschaft aufzubauen. Das Feedback ist bisher verhalten. Süsterfeld-Vorsitzender Edgar Leidig:

„Ich möchte eigentlich, dass alles so bleibt, wie es ist. Auch die Trainer und Jugendleiter, mit denen ich am vergangenen Mittwoch gesprochen habe, lehnen dieses Vorhaben ab, weil sie nicht abhängig sein wollen“

Am morgigen Samstag tritt der KSV beim 1. FC Nürnberg II an. Allen dürfte klar sein, dass sich die Unruhe rund um den Verein nur mit Hilfe sportlicher Erfolge besänftigen lässt. Nach 5 Niederlagen aus den letzten 6 Spielen steht die Mannschaft gewaltig unter Zugzwang.

Man darf gespannt sein, ob der KSV diese Saison noch zum Positiven wenden kann und wie die Aufarbeitung der vergangenen Monate ausfällt.

Quellen: HNA, hr, hessensport 24, Extra Tip, KSV-Homepage, diverse Fanforen
 

André

Admin
Klasse Artikel Sainti, sehr kurzweilig und weit abseits des Mainstreams des Fußballgeschäftes. :top:Die Frage die ich mir allerdings stelle, wieso wurde Dickhaut auf Platz 1 liegend in der absolut entscheidenden Phase der Saison überhaupt entlassen?
 

SaintWorm

Bolminator
Moderator
Sainti? Man lernt nie aus. :D

Dickhauts Verhängnis war in meinen Augen eine Mischung mehrer Faktoren. Einerseits sahen einige Fans und Pressevertreter den fussballerischen Stil, den Dickhaut zu der Zeit spielen ließ, kritisch. Dann sprachen die nackten Zahlen nicht unbedingt für ihn: Nach der Winterpause holte man 14 Punkte aus 10 Spielen, wenn man Meister werden will, ist das eigentlich zu wenig. Und es stand das wichtige Spiel gegen die Stuttgarter Kickers, einen der Hauptkonkurrenten um den Aufstieg, an. Vielleicht erhoffte man sich durch einen Trainerwechsel nochmal einen positiven Impuls. Wobei Hocks schnelle Verpflichtung, trotz gültigen Vertrages in Homburg, tendenziell dafür spricht, dass es keine Spontanhandlung war.

Ergänzend zum Artikel noch der komplette "offene Brief" von VW: KSV Hessen aktuell: Offener Brief von VW zur Lage bei den Löwen 04.10.2011 | KSV Hessen Kassel | KSV Hessen Kassel
 

Paule

PTL-Team-Weltmeister 2010
Dass es so um den benachbarten KSV Hessen steht, habe ich gar nicht mitbekommen. Tolle Dokumentation. Ich hoffe, dass es dem Spitzenverein für Südniedersachsen/Nordhessen gelingt, die Kurve zu kriegen. Noch ist RSV Göttingen 05 mit einem Mittelplatz in der Oberliga Niedersachsen ja nicht auf dem Level.
 

Detti04

The Count
Interessanter Artikel, Wormi. Dass der KSV zum Ende der letzten Saison den fast sicheren Aufstieg noch verspielt hat, hatte ich mitbekommen, aber die Trainerwechselei war mir entgangen - von der Regionalliga Sued lese ich nicht viel mehr als die Tabelle.

Das scheint ja ein ordentliches, selber fabriziertes Durcheinander beim KSV zu sein... Aber was sagt uns das, wenn zwei vorherige KSV-(Mit-)Verantwortliche nicht mal beim TSV Suesterfeld-Helleboehn (Wem?) mit offenen Armen empfangen werden?
 

SaintWorm

Bolminator
Moderator
Gestern setzte es übrigens eine 1:4-Niederlage bei Nürnberg II, die den KSV auf den 13. Tabellenrang abrutschen lässt. Hock ist weiterhin im Amt, ob das allerdings auch bis zum nächsten Spiel so bleibt, ist noch fraglich.
 
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