Von Menschen und Mäusen

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von Holgy, 20 November 2013.

  1. Holgy

    Holgy PTL-Meister 2011/12 Moderator

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    von Märkten und Moral:

    Es ist ein schockierendes Video, das sich fast tausend Menschen im Frühjahr 2012 ansahen. Eine Maus sitzt in einem Glaskasten, langsam strömt Gas hinein. Nach einem zehnminütigen Todeskampf verendet das Tier.
    Der kurze Film war der Beginn eines Experiments... Es war ein schockierendes Dokument. Aber würde es Konsequenzen auf das Handeln der Studienteilnehmer haben?
    Nach dem Film bekamen die Probanden die Verantwortung für eine Maus übertragen - und mussten eine Entscheidung fällen: Sollte ihr Tier am Leben bleiben - oder sterben wie der Nager im Film? Wer sich für die Tötung entscheide, bekomme zehn Euro. Wer ihm das Leben schenke, gehe leer aus, hieß es. Simuliert werde bei dem Experiment rein gar nichts, die Mäuse müssten im Fall des Falles wirklich sterben. Falk wollte herausfinden, wie weit Menschen gehen für Geld. Was er entdeckte, ist verstörend.


    http://www.spiegel.de/unispiegel/jo...nach-der-moral-in-der-oekonomie-a-930093.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 November 2013
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  3. André

    André Foren-Capo Administrator

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    Das einzige was mich wundert ist wieso die Menschen sich nach dem Experiment überfallen vorkamen? Man hat ihnen doch nur einen Spiegel vorgehalten. Die Leute die sich wundern suchen wohl nach einer billigen Ausrede um ihr Handeln zu rechtfertigen oder haben eine sehr schlechte Selbsteinschätzung.

    In Zeiten wo Menschen für 50 Euro umgebracht werden, wundert mich das Ergebnis nicht wirklich. Das Werte und Achtung nichts mehr zählen ist uns doch seit Jahren so anerzogen worden, worüber soll man sich hier also wundern?
     
  4. Detti04

    Detti04 The Count

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    Meiner Meinung nach krankt das Experiment ein bisschen daran, Maeuse als Versuchstier ausgewaehlt zu haben, denn es ist ja gar nicht klar, ob Maeuse fuer die Versuchspersonen positiv, negativ oder neutral konnotiert sind. Wer schon mal Maeuse im Keller hatte oder vom Bauernhof kommt, der steht Maeusen sicher anders gegenueber als jemand, der mal eine Maus als Haustier gehalten hat. Mit Hamstern statt Maeusen waere ich vom Experiment mehr beeindruckt.

    Ums mal auf den Punkt zu bringen: Jemanden, der schon mal Mausefallen aufgestellt hat, kuemmert der Tod einer Labormaus vermutlich nicht so sehr.
     
    Simtek gefällt das.
  5. André

    André Foren-Capo Administrator

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    Das hatte ich mir auch gedacht. Hätten sie Fliegen genommen, wäre der Wert wohl bei 100% gewesen.

    Bei nem Hund vermutlich deutlich niedriger.
     
  6. Holgy

    Holgy PTL-Meister 2011/12 Moderator

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    Macht das Experiment aber trotzdem nicht schlechter, denn zum einen wird es nicht so viele Mäusefallenaufsteller und Bauernhofler unter den Studienteilnehmern geben geben, zum anderen Eine Maus sitzt in einem Glaskasten, langsam strömt Gas hinein. Nach einem zehnminütigen Todeskampf verendet das Tier. Das würden wohl auch Mäusefallenaufsteller und Bauernhofler nicht so machen.
    Das zeigt sich ja auch daran, dass später dann so viele über sich selbst und ihre moralisch falsche Entscheidung "entsetzt" waren.

    Man kann sogar diskutieren, ob so eine Studie ethisch vertreterbar ist. Nicht hinsichtlich der Mäuse, sondern hinsichtlich der Folgen für die Teilnehmer.

    Dass es von der Art des Tieres abhängt, kann wohl sein, ändert aber auch nichts an den prinzipiellen Ergebnissen (Markt korrumpiert: doppelt so hohe todesrate in der marktgruppe, usw.).


    Falk glaubt, dass es neben dem Geldanreiz noch andere Mechanismen waren, die zum massenhaften Mäusetod führten. Die Probanden mussten das Tier nicht eigenhändig umbringen, das erleichterte die Entscheidung. Zudem bekamen sie mit, dass andere bereitwillig töten ließen - und ließen sich mitreißen. In der Handelssituation konnten sie die Schuld zudem aufteilen; auch das erleichtert es, den Daumen zu senken. "Menschen verhalten sich meistens nur dann falsch, wenn sie es irgendwie rechtfertigen können", sagt Falk, "wenn wir also einen Markt wollen, in dem Menschen bessere Entscheidungen treffen, müssen wir ihnen die Ausreden nehmen."
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 November 2013
  7. Detti04

    Detti04 The Count

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    Du hast das Problem nicht verstanden, glaube ich. Wenn ich nicht weiss, von welchen Voraussetzungen ich bei meinen Probanden ausgehen muss - "haelt Maeuse als Haustiere", "sieht Maeuse als Schaedlinge an", "sind Maeuse gleichgueltig" - dann bringt eine Statistik nichts, weil es sich dabei nicht um eine Statistik ueber eine homogene Probe handelt. Wenn ich wissen will, wieviel ein Stueck Obst wiegt, dann hilft mir die beste Statistik nichts, wenn ich nicht weiss, ob meine Probe aus Aepfeln, Erdbeeren oder Mandarinen oder einer wie auch immer gearteten Mischung dieser 3 moeglichen Varianten besteht.

    EDIT: Wobei es natuerlich moeglich ist, dass die Einstellung zu Maeusen vor Beginn des Tests erst mal abgefragt wird. Das waere ja schliesslich sinnvoll, um die Homogenitaet der Probe sicherzustellen. Aber wer weiss, wieviel Ahnung Psychologen (nee, der ist ja Oekonom) von Statistik haben... (Oftmals keine, so hoerte ich von verschiedenen Seiten.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 November 2013
  8. Holgy

    Holgy PTL-Meister 2011/12 Moderator

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    Doch, aber Du hast anscheinend nicht verstanden, dass Dein Einwand, selbst wenn er stimmen sollte, was aber wohl nicht tut, nur bedingt relevant ist. Ob die Teilnehmergruppe heterogen oder homogen ist, ist nicht weiter relevant, solange in der Markt und der Nichtmarktgruppe gleich viele Mäusehasser sind. Das Ergbniss: Doppelt so viele tote Mäuse in der Marktgruppe bleibt davon unberührt (selbst wenn beide gruppen 100% Mäusehasser enthalten oder 0%). Dein Beispiel hinkt übrigens auch, da es eine ganz andere Fragestellung impliziert.

    Zumal man davon ausgehen kann - wie schon gesagt - , dass auch ein "Mäusehasser" einen 10 minütigen qualvollen Tod wohl trotz seines Mäusehasses nicht gut findet.
    Zudem würde ich die These der grundlegend verschiedenen Einstellung zu Mäusen als falsch zurückweisen. Diese ist wohl beim überwiegenden Teil der Menschheit (eines Kulturkreises) gleich. (So wie wohl auch die überwiegende Teil der Menschheit einer Kultur bei der Entscheidung: Wer soll sterben, der Hund oder die Maus? Gleich antworten würde.)

    Aber davon mal ganz abgesehen, ist dieser Einwand zwar erstmal eine gute Idee, aber - wie gesagt - nicht relevant. Man kann es übrigens im Originalartikel nachlesen: http://www.cens.uni-bonn.de/team/board/armin-falk/1morlas-and-markets.pdf (The Mouse Paradigm)

    Das Psychologen keine Ahnung von Statistik haben ist ein reines Vorurteil (nein, ich bin kein Psychologe und Armin Falk übrigens auch nicht). Aber ich habe schon oft gehört: Mathematiker haben wenig Ahnung von Forschungsmethoden und von inhaltlichen Fragen dann schon gar keine mehr. Muss dann wohl stimmen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 November 2013