Relativiert MP Mac-Poms die DDR??

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von BoardUser, 22 März 2009.

  1. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Ja genau. Die Ordnung "verteidigen". Ohne das das jetzt missverstanden oder negativ ausgelegt wird.

    Zu DDR-Zeiten hiess das allerdings auch, den Führungsanspruch der SED verteidigen, der war schliesslich Verfassungsprinzip (was man durchaus anprangern kann und wohl auch muss), genauso, wie heute der Rechtsstaat und die Gewaltenteilung Verfassungsprinzip ist. Insofern schliesst sich ein gewisser Grad von heute verstandener Oppositionsarbeit damals schon aus.

    Das schon einfache Kritik an der einen oder anderen Maßnahme als Infragestellen des Führungsanspruches verstanden wurde, ist ein ganz anderes Thema. Ebenso die zumeist nachträglich bekannt gewordene, permanente Verdächtigung, wer nicht SED-Mitglied werden wollte, war gegen das System, was natürlich auch völliger Humbug war.

    Nu muss man mal langsam wieder zum Thema zurück. Meine These war, dass nahezu alles, was aus der DDR kommt, mit Verweis auf das Unrechtssystem jahrelang (teils zu Unrecht) abgebügelt wurde. Und offenbar - so die Ifratest/Dimap-Umfrage - sehen das viele ähnlich. Und dem Gerhard als Präsident der FDP-nahen Naumann-Stiftung fällt dazu nix anderes ein, als dass man agitieren müsse....:floet:
     
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  3. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Hier ein - aus meiner Sicht - ganz gutes Interview mit Wolfgang Tiefensee zum Thema.
     
  4. HoratioTroche

    HoratioTroche Zuwanderer

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    Ja, das Interview ist ok.

    Ich habe gestern abend im mdr mal wieder was über Jugendwerkhöfe gesehen. Das sind politische Umerziehungslager für Jugendliche gewesen. Wer die positiven Seiten der Kindertagesstätten und des restlichen Erziehungsprogramms hervorhebt, darf meiner Meinung nach nicht ausblenden, dass das alles einen ideologischen Hintergrund hatte. Das gehört nämlich strukturell zusammen. Und wer nach Meinung der Jugendämter (oder auch der Lehrer oder sogar der eigenen Eltern, wie der Studiogast) sich nicht an die sozialistische Leitkultur hielt, der landete ratzfatz im Heim, sprich einem dieser Werkhöfe. Die "guten Seiten" bekamen also nur diejenigen zu geniessen, die sich als politisch würdig erwiesen.

    Laut Aussage eines der ehemaligen Insassen des geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau ist die große Mehrheit der ehemaligen Insassen bis heute physisch und psychisch geschädigt. Die Erziehungsmethoden sind meiner Meinung nach Folter (Schlafentzug, Dunkelhaft, Essensentzug oder -zwang, Zwangsarbeit, Schläge).
     
    Zuletzt bearbeitet: 11 April 2009
  5. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Nun ja, "politisch würdig" ist so ein Begriff, mit dem ich persönlich nicht viel anfangen kann, wenn es um Kinder geht.

    In den Jugendwerkhöfen landeten meiner Kenntnis nach vor allem psychisch auffällige, etwa Kinder, die frühzeitig sich nicht in Gruppen integrieren konnten, Gewalttäter, Schläger, Frühkriminelle etcpp. Und meiner Kenntnis nach wurden diese nicht "politisch umerzogen", so wie wir uns das heute vorstellen, sonder überhaupt erst mal erzogen, sprich man wollte aus ihnen wieder die Kinder machen, die die gesellschaft sich vorstellt, um es mal drastisch auszudrücken. Das hat aber mit dem augenscheinlichen Sinn der "politischen Umerziehung" nicht viel zu tun.

    Heutzutage werden solche Kinder (natürlich nach viel aufwändigeren Verfahren und mit viel mehr Rechtsstaatlichkeit und auch mit viel weiteren Grenzen) in diverse Sonderschulen und Heime geschickt, sofern dies schon im Grundschulalter oder in der Kita auffällt. Solche Sonderschulen sind natürlich auch ganz andere Einrichtungen als die damaligen Jugendwerkhöfe. Aber Absonderungseinrichtungen gibt es heute auch.

    Ich kenne einige dieser Leute, die aus den Jugendwerkhöfen wieder auf die normale Schule losgelassen wurden. Die waren alles andere als "politisch unwürdig", so wie wir das heute verstehen, die waren schlicht kriminell, gewalttätig oder das, was man unter dem damaligen Begriff "asozial" verstand. Wenn das hingegen mit dieser "politischen Unwürdigkeit" gemeint ist, dann waren sie es halt. Aber sie waren nicht per sé staats- oder systemfeindlich, rechtsradikal, reaktionär oder (nur) ausreisewillig. Das waren - so meine Kenntnis und Erfahrung - Kinder, die mit anderen "normalen" Kindern oder der eigenen Umwelt einfach nicht ohne Gewalt (oder Kriminalität) konnten.

    Und dass es heute solche Kinder eben auch gibt (möglicherweise noch mehr als damals), und dass der Staat hierbei zuweilen viel zu spät und viel zu langsam einschreitet, wird sicher auch keiner bestreiten. Die sind letztlich auch "politisch unwürdig", weil sie nicht in das Gesellschaftsbild passen.

    Ach ja: Nein, ich habe den Beitrag nicht gesehen.
     
  6. pauli09

    pauli09 2. Ewige Tabelle "1gg1"

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    ich glaube nicht, dass man die heutigen "einrichtungen" für schwer erziehbare jugendliche auch nur annähernd mit den von HT beschriebenen vergleichen und auf eine stufe stellen darf.
    und: die damaligen waren teil und instrument des unrechtstaates.
    würde mich nicht wundern, wenn sie unter der "obhut" dieser unsäglichen margot standen.
     
  7. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Das standen sie bestimmt. Und will das auch nicht gleichsetzen, ist nicht meine Absicht.

    Die Methoden damals waren mit Sicherheit - gelinde gesagt - unschön. Keine Frage. Ich kann eben nur mit dem Begriff "politisch unwürdig" im Zusammenhang mit schwer erziehbaren Kindern nix anfangen. Bzw. wenn, dann nur insofern, als das damit eher "gesellschaftlich unwürdig" gemeint ist. Und das ist ein Status, den es (in ähnlicher Form) heute auch gibt. Eben Verhaltensweisen, die gesellschaftlich nicht gewünscht sind.
     
  8. pauli09

    pauli09 2. Ewige Tabelle "1gg1"

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    ich glaube nicht, dass man in der ddr zwischen politik und gesellschaft unterschieden hat; handelte es sich doch um eine politische gesellschaft.
    politisch unwürdig war danach ein 6 jähriger, der hartnäckig auf einem urlaub in frankreich oder spanien bestanden hätte.

    ps. BU, du bist nahe daran, unrechte praktiken der ddr zu verharmlosen, indem du sie zum vergleich stellst.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14 April 2009
  9. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Jep. Ich hatte solche Kinder in meiner Klasse. Von denen ist keiner in den besagten Jugendwerkhof gelandet. Ich hatte aber auch Abgänger dieser "Einrichtung" in der Klasse und Schule. Die, die ich kannte, waren allesamt völlig unpolitisch, dafür aber "sozial unintegriert", sprich, sie haben die Schule geschwänzt, waren gewalttätig, haben als Kind schon massiv gestohlen, sie haben Lehrer (ohne konkreten Grund oder Anlass) beschimpft oder ihnen Gewalt angedroht etcpp. Haben also schlicht Verhaltensmerkmale gezeigt, die auch heute dazu führen (können), von einer Grund- oder Realschule separiert zu werden. Ist halt meine Erfahrung mit Leuten, die in solchen Einrichtungen waren.

    Ach so, ja, bevor das Argument kommt, der Jugendwerkhof habe sie zu dem gemacht, wie ich sie nach der Entlassung wahrgenommen habe: Ich habe in meiner Schulzeit mindestens 3 Mitschüler (das sind die, an die ich mich jetzt konkret erinnern kann) erlebt, wie sie vor dem Jugendwerkhof waren und danach. Es war nicht wirklich ein Unterschied zu bemerken.

    Im übrigen sind mir soger mehrere "Fälle" geläufig, bei denen ein Kind einer Familie völlig normal in die Schule gingen, das andere Kind jedoch genau diese Merkmale aufwies und deswegen (und augenscheinlich nicht aus "politischen Gründen") zeitweise von der Schule getrennt wurden.

    Um es ein wenig abzukürzen: Ich kenne Leute, die politisch "anti" waren, deren Eltern ausreisewillig waren oder dies anders ausgedrückt haben (z.B. indem sie in der Kirche waren und nicht bei den Pionieren oder in der FDJ) oder die in den obligatorischen "politischen Diskussionen anti eingestellt waren) aber eben nicht im Jugendwerkhof gelandet sind. Und ich kenne Leute, die all dies nicht gemacht haben, aber besagte Sozialdefizite aufwiesen und deswegen abgingen. Zugegebenermaßen, meine Einzelerfahrung in meinem (kleinen) Umfeld.
     
  10. faceman

    faceman Europapokal-Tippspielsieger 2015

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    Etwas polemisch, denn der sozialistische Leitkultur folgend hiess, Jungpionier, Thälmannpionier und FDJ-ler zu sein. Es gab dennoch viele, die diesen Weg aus unterschiedlichsten Gründen nicht gegangen sind. Diese erlitten mit Sicherheit gesellschaftliche, berufliche oder private Nachteile, nur landeten diese nicht zwangsläufig im Jugendwerkhof.
    Einigen wir uns darauf, das Jugendliche, die nicht in das sozialistische Bild passten, dorthin kamen. Das schliesst nämlich die Eigenschaften mit ein, die BU nannte. Das die Umerziehung, dann auch politischerweise durchgeführt wurde, versteht sich aufgrund des Systems von selbst.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14 April 2009
  11. faceman

    faceman Europapokal-Tippspielsieger 2015

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    Um einen solch konkrten Fall zu beleuchten, benötigt man mit Sicherheit mehr, als nur eine solche Aussage. Diesen Wunsch hätte der 6jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit sich nicht erdacht, sondern ist zumindest durch seine Eltern darin gefördert worden (Stichwort: antisozialistische Lebensweisen). Politisch unwürdig, wären in einem solchen Fall primär erstmal die Eltern gewesen. Und auf diese hätte sich der Druck, zuerstmal von Seiten der Schulen erhöht. Das wäre weiter bis in die Parteileitungen der elterlichen Betriebe gegangen und wäre auch dort unter fadenscheinigen Vorwänden ein Thema gewesen.
     
  12. pauli09

    pauli09 2. Ewige Tabelle "1gg1"

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    du schilderst das so schön logisch und harmonisch. ich bin begeistert.

    dann war ja der 6 jährige in völliger sicherheit.
    system-embedded, quasi.
     
  13. faceman

    faceman Europapokal-Tippspielsieger 2015

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    Du willst mich missverstehen?


    edit: Selbstredend unterstanden die Jugendwerkhöfe, die Teil des "Bildungs- und Erziehungsapperates" Margot Honecker.
     
  14. Princewind

    Princewind Rassist und Lagerinsasse

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    Jo, die sind denn entweder über Bautzen oder aber über Prag im Westen gelandet. ;)
     
  15. faceman

    faceman Europapokal-Tippspielsieger 2015

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    Auch, aber eben nicht zwangsläufig in den Jugendwerkhöfen.
     
  16. Mister-X

    Mister-X Active Member

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    Bei solchen Äußerungen auch noch von einem MP, der im Westen aufgewachsen ist, geht es doch nur um eines:

    Stimmenfang für die Wahl im nächsten Jahr. Das setzt sich fest in den Köpfen der Leute, deren Biographie wieder einen Sinn erhält. Taktisch klug auch vom Zeitpunkt gewählt.
     
  17. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Neues aus der "Diskussion" um die sogenannte "Verklärung" der DDR.....

    Interessant an diesem Artikel finde ich persönlich, dass der Autor auf die Äußerungen der Zitierten fast nur mit dem Begriff "Verklärung" eingeht.