Lacrimosa - Lichtjahre

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von Dilbert, 3 Juli 2007.

  1. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Mahlzeit!

    Im dritten Anlauf (gestern soff nach zwanzig Minuten ja mein Keller ab) hab ich es nun endlich geschafft, mir dieses Monstrum von einer Live-DVD am Stück reinzupfeifen.

    Ich sach ma: Donnerknispel! Sieht man davon ab, dass gleich der erste Song "Der Kelch der Liebe" nur als Intro drauf ist (ob das gewollt war oder ein übler Schnittpatzer ist weiss ich nicht) stimmt hier so ziemlich alles. Die Mucke ist eh zum Grossteil genial, aber das ganze Drumherum zieht einem ein wenig die Socken aus.

    Mal ehrlich, wer erwartet bei einer ziemlich seltsamen Gothic-Rock-Truppe mit zu 80% deutschen Texten denn bitte, dass die Leute in Mexico dermassen ausflippen? Ich mein, die verstehen wahrscheinlich fast kein Wort von dem, was Tilo Wolff da auf der Bühne singt. Und trotzdem kennen sie die Texte alle auswendig und gehen ab, als wären die Rolling Stones oder AC/DC unterwegs, und nicht eine in ihrer Heimat teilweise verkannte, weil sicherlich gewöhnungsbedürftige Truppe aus Germanien.

    Selbes Bild in China, wo sie wahrscheinlich noch weniger von den Texten verstehen, aber trotzdem rumposaunen, die Musik wäre ihr Leben, weil sie ihnen so viel gibt, und bei der Autogrammstunde vor Freude anfangen zu heulen.

    Insgesamt eine schöne Reise einmal um die halbe Welt mit einer Band, die niemand kopieren kann. Allerdings sollten einige möchtegern-tiefsinnige "Musik-aus-der-Seele-Schreiber" mal bei Tilo anfragen, damit der denen zeigt wie man sowas richtig macht.

    Nicht verschweigen will ich hier auch die gleichzeitig erschienene, gleichnamige Doppel-Live-CD, auf der alle Songs der DVD zu hören sind, und noch einige mehr. Das Ding ist denke ich gerade für Leute wie unseren Faulix höchst interessant, die bisher nur mal etwas reingeschnuppert haben. Die Songs der ersten zwei Studio-CDs sind live kaum wiederzuerkennen, und im Vergleich zur "Live"-Scheibe von 1998 nochmals verändert interpretiert. Gerade "Seele in Not" ist inzwischen nur noch abgrundtief böse, "Tränen der Sehnsucht" hingegen einfach schaurig schön.

    Bei mir kamen heute etliche geile Erinnerungen an Hamburg 2005 wieder hoch... hoffentlich kommen die bald wieder auf Tour!

    Gruss
    Dilbert
     
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  3. Bonnie

    Bonnie Lady Confused

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    Oh herrjeeee...da hast Du mich nun wieder auf den Geschmack gebracht. "Tränen der Sehnsucht" oder "Reissende Blicke"..nun hab ich mir doch erstmal wieder Lacrimosa angeworfen. Der absolute Favorit ist für mich jedoch nachwievor "Der morgen danach". Vielleicht nicht unbedingt in Depri-Phasen geeignet...aber nun gut.

    Aber mit den Leuten in China und Mexico die dort förmlich ausflippen ohne auch nur den Text zu verstehen kann ich mir durchaus vorstellen. Wenn ich da an "Diener eines Geistes" denke:top: Und es ist auch durchaus vorstellbar. Die Argentinier verstehen wohl auch herzlich wenig Deutsch, aber wenn die Hosen dort sind kippt sogar so die Bühne unter den Latschen weg:zwinker:

    Danke Dir für das Wachrütteln. Nun bin ich wieder so richtig auf den Geschmack gekommen. Aber sind die denn überhaupt noch Live unterwegs? Mir war so als hätte ich auf der Homepage mal gelesen daß sie nicht mehr auf Tour gehen.... Sollte es das Gegenteil sein, dann hoffe ich nur zu sehr daß sie doch bald mal in den Norden kommen und ich in den Genuß kommen kann sie hautnah zu sehen.
     
  4. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Die "Lichtjahre"-Tour ist nach über einem Jahr beendet, ja. Aber nach der nächsten Studioplatte werden sie bestimmt wieder unterwegs sein. Ich hab Tilo in Hamburg damals live gesehen: Der braucht das!

    Gruss
    Dilbert

    P.S.: Auf der DVD sagen ausserdem die Bandmitglieder, dass ie gern wieder nach China und Mexico fahren würden. Die bleiben uns noch erhalten.

    P.P.S.: Der Lieblingssong variiert bei mir je nach Stimmung. Im Moment ist es "Ich verlasse heut dein Herz"
     
  5. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Bonnie, als kleinen Einblick (Diener Deines Geistes wir live nicht mehr gespielt) meine Konzertstory von 2005.

    01.06.2005

    Mahlzeit!

    Mittwoch war es also soweit: Mein erstes Lacrimosa-Konzert stand an. Aber erstmal ging es zum Makro-Markt. Da mein alter Walkman die Kassetten nur noch im "Leier-Modus" abdudelt (egal wie alt oder neu die Batterien sind), und so´n Discman mit MP3-Funktion ja auch nicht mehr die Welt kostet (und vor allem nicht mehr so erschütterungsanfällig sind wie das Mistding, das ich mir vor zehn Jahren mal gekauft und ein Jahr später wieder weggeschmissen habe) wollte ich mir so´n Teil dann auch mal gönnen. Gefunden-gekauft! Ab zum Doc, ´n paar Nadeln in die Füsse und Hände pieksen lassen, zwanzig Minuten rumliegen, Nadeln raus, ab nach Hause.

    So, die grosse Frage: Wat zieh ich nu an? Schliesslich bin ich solo, und bei so ´nem Konzert rennen ja auch etliche gutaussehende Damen rum. Hmm... jau, das schwarze Lacrimosa-Shirt mit den kaputten Nähten, das etwas knittrige Blind Guardian-Hemd (wer bügeln kann, der darf es mir bei Gelegenheit mal beibringen...), die schwarze und bei Bügelversuchen leicht ruinierte Jeans und dann die "guten" Schuhe, die ich sonst nur zu Taufen oder Beerdigungen anziehe. Perfekt! Noch zwei CDs für die Fahrt gebrannt, gemischtes Bier (teils alkfrei) in den Rucksack, auf zum Bahnhof. Bei dem ganzen Gewühle und Getüddel hatte ich dummerweise vergessen zwischendurch an was zu futtern zu denken. Da ich am Bahnhof noch etwas Zeit hatte konnte dem mit einem kurzen Besuch der Bäckerei abgeholfen werden.

    Das Wetter präsentierte sich dem Anlass eines düsteren Konzerts angemessen, fehlte eigentlich nur noch ´n bisschen Nieselregen. Um ca. 15.00 Uhr fuhr der Zug dann los Richtung Hamburg und ich köpfte meine erste Bierpulle. Auf der Fahrt passierte eigentlich gar nichts, sieht man mal davon ab dass sich ein Typ von der "Power Security" in mein Abteil verirrte den ich glaubte schon einige Male im Volkspark gesehen zu haben, und dass ich mir mit meinen Croissants die ganzen Klamotten vollkrümelte.

    In Hamburg Dammtor angekommen versuchte ich mit dem Plan für die S-Bahn zurechtzukommen, stieg anschliessend in einen Zug und fuhr natürlich prompt in die falsche Richtung. Hmmm... da steigt man dann lieber am Hauptbahnhof wieder aus. Dort konnte mir jemand am Infoschalter dann sogar sagen wie man wirklich zur Reeperbahn kommt. In der U-Bahn-Station konnte man dann der Beschilderung Richtung "Grosse Freiheit" auch locker folgen. Da mich ein ziemlicher Durst plagte, ich mich nicht auskannte und eh pullern musste latschte ich in das nächstbeste Lokal. Erstmal strunzen, ein Jever Fun geordert und gefragt wie ich denn nun genau zur Grossen Freiheit käme. "Och, links aus der Tür raus, zweimal hinfallen, und schon sind Sie da." - "Bin ich wirklich so gross?" - "Ja."

    Na gut, wahrscheinlich hätte ich viermal hinfallen müssen um dort anzukommen, ansonsten stimmte die Beschreibung. Nachdem ich dann den Laden "Grosse Freiheit 36" ausgemacht hatte stand ich nun mitten in Hamburg und hatte noch über zwei Stunden Zeit bis zum Einlass. Was könnte man da besseres machen als einen kleinen Bummel über die Reeperbahn? Nicht viel, und so schlenderte ich dann an etlichen Erotic-Shops, noch mehr Dönerbuden und sonstigen Kneipen und Geschäften vorbei einmal die rote Meile entlang. Da die Bierbuddel schnell leer war kam ich auch an der Tanke vorbei, der Kabel 1 schon eine eigene Reportage gewidmet hat. Rein da, Astra her. Als ich am Ende der Reeperbahn angekommen war dachte ich mir, ich könnte ja auch mal gucken ob das Vereinsheim des Pleitegeiervereins vom Kiez auf hat. So latschte ich dann noch zum Millerntor, aber dort war total tote Hose.

    Auf dem Rückweg kam mir dann in den Sinn noch´n Bier vonner Tanke zu holen. Ich wollte da gerade zur Tür rein, da kamen zwei raus. Moooment! Wurzelzwerg, halblanger Mantel, Schirmmütze, lichte, schulterlange blonde Haare.... äääh... "Otto?!" - "Ach du Scheisse...." - "Ich fass es nicht, ich will zum Lacrimosa Konzert und treff hier Otto! Haste was zu schreiben da?" - (Otto wühlt in seinen Taschen rum) "Nein, hab ich nicht... aber ich hab hier was anderes (holt ´ne Autogrammkarte von seinem letzten Kinofilm aus der Tasche), guck mal, sieben Zwerge, da muss ich gar nicht schreiben, steht schon drauf." - "Danke... tööf mal, äh, ein Foto?" (ImRucksackrumbuddel) - "Aber ganz schnell, wir haben keine Zeit..." - "Ja, geht schnell... (seinemBegleiterdieKameraindieHanddrück)... nur auf´n Knopf drücken." *Knips* "Danke, Klasse! Wir sehen uns in Rendsburg" - "Ja, wir sehen uns in Rendsburg, schnell weg..."

    Wenn das Bild nichts geworden ist wird der Fotokasten auf dem Scheiterhaufen verbrannt! Das war das erste mal, dass ich so´n Glück hatte einen meiner ewigen Superhelden auf der Strasse zu treffen. Und wir hatten uns beim Drin-Isser Treffen ein paar Tage vorher gerade über den unterhalten.... Wenn er im Herbst auf Tour geht bin ich wieder dabei, soviel steht fest.

    Na ja, da hatte sich die Fahrt ja schon fast gelohnt. In der Tanke hab ich noch´n Jever Fun (ich wollte ja noch was vom Konzert mitkriegen) geholt und dann auf den Rückweg zur Konzerthalle gemacht. Unterwegs plagte mich dann wieder so ´n gewisses Hungergefühl, da kam das Angebot "Currywurst-Pommes für zwofuffzich" gerade recht. Mampf, knusper und rülps. Anschliessend eierte ich zurück zum "Grossen Freiheit 36", wo sich inzwischen ein paar mehr oder weniger seltsam gekleidete / geschminkte Gestalten eingefunden hatten. Dafür, dass es noch eine Stunde bis zum Einlass war, hielt sich die Menge aber sehr in Grenzen, ich hatte nach meinen Erfahrungen bei diversen Konzerten einiges mehr in Erinnerung.

    Rumsitzen... laaangweilig! Durst... Dönerbude, Astra, Prost. Danach unterhielt ich mich mit zwei aus Leipzig stammenden Fans, die auf ein paar Kumpels warteten und mir ein paar Sachen über die Vorband "Gothminister", die nicht sehr erfreulich klangen, erzählten. Zehn Minuten vor Einlass kam dann einer seiner Kollegen in Begleitung einer Dame angestiefelt. Die war süüüüüüüüüss... (sabber) Hrm hrm, weiter im Text. Irgendwann fiel mir dann ein, dass ich ja noch keine richtige Eintrittskarte, sondern nur so ´nen dämlichen Umtauschschein vom Online-Ticketservice hatte. Also mal freundlich an´s Kassenhäuschen geklopft und in der Hoffnung auf eine schöne Karte zum Einrahmen den Umtauschschein reingeschoben. Was ich dafür wiederbekam sah noch beschissener aus als der blöde Fetzen von Umtauschschein, so´n dortmundgelbes Stück Papier ohne irgendwelche Verzierungen. Buuuh!

    Kurz danach hiess es: Rein in den Saal! So "gründlich" wie mein Rucksack durchsucht wurde hätte ich da wahrscheinlich ein komplettes Aufnahmestudio drin durchbringen können, aber sowas besitze ich ja nicht. Also heisst es für mich bis zum Herbst warten, da kommt ´ne Live-DVD raus (Nachtrag: Oder auch nicht...). Mein erster Weg führte mich dann zum Klo und anschliessend an den Tresen, da die Bude zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zu einem Viertel gefüllt war musste ich keine Angst haben später keinen guten Platz mehr zu erwischen. Buäh, Leute, kauft euch da nie ein Bier vom Fass! Ich weiss nicht, ob die Leitungen vergammelt sind oder es am Spülmittel oder den Bechern selbst liegt, jedenfalls schmeckt das Zeug irgendwie so wie eine Bierflasche am nächsten Tag riecht wenn irgendein Doofkopp sie als Aschenbecher missbraucht hat. Würg! Da noch ein bisschen Zeit war, und ich für eine Freundin ein paar Fotos schiessen wollte, schnackte ich eine Dame mit einem wirklich ziemlich unglaublichem Kleid an, um ein Foto von ihr zu machen. Das schwarze Kleid war nicht ganz bodenlang, unten im Saum verstärkt und hatte dort einen Durchmesser von ca. einem Meter (wahrscheinlich noch etwas mehr), als hätte jemand einen kleinen Hoola-Hoop-Reifen eingenäht oder die Dame sich unter´m Rock einen Trichter um die Hüften geschnallt.

    Um kurz nach 20.00 Uhr betraten Gothminister die mit einem Vorhang (dahinter waren die Requisiten von Lacrimosa verstaut) verkleinerte Bühne. Die Band würde ich mal als eine durchgeknallte Mischung aus Paradise Lost, Rammstein und Marilyn Manson bezeichnen. Die eine Hälfte des Auftritts latscht der Sänger mit Corpsepaint inner Schnute (das ihm nach halber Spielzeit anfängt aus dem Gesicht zu tropfen) und einem Schamanenstab in der Hand auf der Bühne herum, die andere brüllt er auf einer schwarz ummantelten Trittleiter stehend auf die Leute herab. Der Keyboarder hat ´ne Art rotbepinselte Schweisserbrille im schwarz-weissen Gesicht kleben, der Typ am Bass hat das Gesicht ebenfalls angepinselt und trägt eine rote Karnevalskrawatte zu schwarzem Outfit und Sportschuhen, und zum Drummer kann ich nicht viel sagen, der war am anderen Ende der Bühne. Die Mucke... na ja, live gar nicht so schlecht wenn man die Gestalten dazu auf der Bühne sieht, aber auf CD würde ich mir sowas nicht kaufen. Warum? Weil der gute Lärm durch dämliches Techno-Gewichse teilweise völlig zerschrottet wird. Einige Lieder laden wirklich zum Headbangen ein, andere dagegen gehen einem wegen dem blöden BUMM BUMM-Mist total auf´n Sack. Es ist wirklich so, wenn man gerade dabei ist die richtig gut zu finden machen sie den Eindruck ´nen Augenblick später zunichte. Schade eigentlich.

    Nach 45 Minuten war der Spuk dann erstmal vorbei, wobei Gothminister am Ende immerhin für die guten Teile der Vorstellung mehr als nur Höflichkeitsapplaus ernteten. Trotz des teilweise vorhandenen Nervfaktors: Ich hab wahrlich schon üblere Gruppen gesehen. So machten sich die Jungs mit ihrer Crew zufrieden daran ihre Untensilien von der Bühne zu schaffen, denn Tilo Wolf braucht Platz, das hab ich auf dem "Live History"-Video schon gesehen.

    In der Umbauphase (einmal mit dem Gabelstapler über die Bühne brettern wäre bestimmt schneller gegangen) wurde Mucke von Tilos Nebenprojekt Snakeskin durch die Boxen gedudelt. Ob er sich damit einen Gefallen getan hat diese Platte aufzunehmen sei mal dahingestellt, Tatsache ist aber dass der komplett verzerrte Gesang schlichtweg nur nervt. Deshalb machte ich mich lieber auf zum Merchandise-Stand um ein "Stolzes Herz"-Shirt für 17 Euro zu erwerben, was sicherlich auch ein stolzer, im Vergleich zu "grossen" Gruppen jedoch wahrscheinlich noch fairer Preis ist.

    Es wurde viertel nach neun und ich schrieb in Gedanken gerade den letzten Zug nach Neumünster ab, der um 23.20 aus dem Bahnhof rollern würde. Selbst wenn Lacrimosa nur die Hälfte aller meiner Ansicht nach eigentlichen Pflichtsongs spielen käme der Auftritt locker auf zwei Stunden. Kurz darauf gingen im inzwischen gut, wenn auch angenehmerweise nicht bis zum Platzen gefüllten Saal endlich die Lichter aus und das übliche Intro der Satura-Scheibe erklang. Die Band betrat nach und nach die Bühne, als vorletzte Anne Nurmi. Dann wurde "Der Kelch der Liebe" von der neuen Scheibe "Lichtgestalt" angestimmt und mit den ersten Worten kam Tilo auf die Bühne gestiefelt. Was danach über zwei Stunden abging ist mit Worten irgendwie nicht wirklich zu beschreiben, das muss man erlebt, gesehen und gefühlt haben. Ehrlich gesagt sitz ich hier selber seit fünf Minuten rum und weiss nicht wie ich weitermachen soll. Ein Lacrimosa-Konzert ist schlichtweg ein Erlebnis der komplett anderen Art. Tilo hält die Hand hin, und alle fressen daraus. Ansagen? Nö, ausser "Vielen Dank" oder "Dankeschön" kommt zwischen den Songs nix. Vor jedem Lied erklingen dieselben seltsamen Geräusche, weshalb man eigentlich nie weiss wie´s denn nun weitergeht, grob raten kann man nur wenn Tilo das Mikro an Anne übergibt und sich an ihren Platz hinter´m Keyboard klemmt.

    Der Typ lebt und liebt seine Mucke. Er steht hinter´m Mikro, singt und "dirigiert" seine Band dabei mit mal sanften und mal wilden Gesten, wirkt in einem Moment so zerbrechlich wie ´ne Porzellanpuppe um im nächsten wie ein Raubtier zu fauchen oder in Passagen ohne Gesang völlig abzurocken. Nach "Der Kelch der Liebe" kam mit "Schakal" gleich der nächste Hammer, dem "Alles Lüge" folgte (sorry, falls ich hier die Reihenfolge etwas durcheinandergebracht haben sollte), ein Lied dass ich erst am Ende erwartet hätte. So ging es Schlag auf Schlag weiter, wobei selbst die auf den ersten CDs ruhigen Lieder mit einer schönen Gitarrenwand versehen wurden, was den Songs meiner Ansicht nach nur gut tat. Weitere Highlights (aus meiner Sicht): "Tränen der Sehnsucht", "Lichtgestalt", "Ich bin der brennende Komet" (rockt wie Sau!), "Der Morgen danach", die im zweiten Zugabeteil zu meiner Überraschung gebrachte Pianonummer "Das Schweigen", "Seele in Not" (wer da in Tilos Augen geguckt hat wurde von denen im ersten Teil des Songs nicht mehr losgelassen), welches als extrem doomlastige Schauerversion anfing um am Ende zu einem echten Nackenbrecher zu werden, natürlich "Stolzes Herz" (DER Lacrimosa-Song schlechthin!), welches den regulären Set beendete, das von den im Publikum anwesenden Damen mit bittenden Gesten und lauten Gesang begleitete "Halt mich" und die endgültige Abschlussnummer "Alleine zu zweit", welche den zweiten Zugabeteil beendete und einen Haufen glücklicher Leute in die Nacht entliess. Ein totales Wechselbad der Gefühle, zwischen Lebensfreude, Verbitterung und Melancholie, einfach nur grausam wunderschön. Und Tilo? Der steht auf der Bühne, guckt sich die verzückten Massen an und grinst dabei vor Freude wie ein Honigkuchenpferd. Dieser Musiker zieht sein Ding seit 15 Jahren durch und sch..sst dabei auf irgendwelche Trends. Und er hat den Kampf gegen die Engstirnigkeit einiger Leute wieder einmal gewonnen.

    Irgendwann ist ja nun leider auch das schönste Konzert mal zu Ende, in diesem Fall nach etwas über zwei Stunden. Schade, ich hätte gern noch zwei Stunden weiter da gestanden um mir diese seltsame Band anzugucken, zumal sie "Dich zu töten fiel mir schwer" und "Siehst Du mich im Licht" nicht gespielt haben. Hilft ja nix, ab zur U-Bahn. Gerade als ich noch völlig vom erlebten eingenommen die Halle verliess gurkte mein Zug nach Neumünster vom Bahnhof Dammtor weg (wenn er denn keine Verspätung hatte). Na prima, das hiess für mich: Irgendwann gegen halb fünf bin ich dann mal zu Hause. Da mir der Hauptbahnhof irgendwie interessanter als Dammtor erschien nahm ich die nächste U-Bahn in diese Richtung. Darin befand sich ein ziemlich angedüddelter Typ, der mich für einen Torfrock-Fan hielt. Äääh, na ja, nah dran... hüstel. Anschliessend belaberte er die ganze Zeit die Dame mittleren Alters, die mir gegenüber gesessen hat. "Du findest auch noch einen Kerl, glaub mir, bleib nur so wie Du bist blabla..." - "Ich hab schon einen, danke." - "Den da?" (zeigt auf mich) - "Nein, den nicht." - "Ja, mach Dir keine Sorgen, Du findest schon einen, glaub mir, auch Du wirst einen finden... lall..." Wat waren die Dame und ich froh, als der Zug endlich am Hauptbahnhof hielt und wir den loswaren.

    Dort hatte ich dann ´ne halbe Stunde Aufenthalt, was ich zur Besorgung zweier Astra-Pullen nutzte. Als der Zug nach Kiel bereitstand fand ich darin glücklicherweise eine Bahn-Zeitschrift, die zwar in etwa so lustig wie ´ne tote Fliege im Keller war, aber immerhin zumindest halbwegs informativ. Damit, mit einem Bier und Mucke in den Ohren vertrieb ich mir die Zeit bis nach Kiel, wo ich dann mehr als eineinhalb Stunden Aufenthalt hatte. Wat nu? Auf ´ne Bank legen und versuchen zu pennen war nicht, dazu war es etwas zu frisch, und ausserdem passten zwei Bahnservicebullen auf dass keiner die Hausordnung übertrat. Die hing im eingeglasten Wartebereich aus, und dort wurden, als ich mich mangels Platz auf den Bänken auf den Boden setzte, auch gleich ein paar Schnarchbrüder von den Bahnbeamten hochgescheucht. Anschliessend wurde ich darum gebeten mich auf die Bank zu hocken, danach hauten die Typen wieder ab. Ich hatte mich gerade hingesetzt, als der eine Schnarchbruder mich anlallte um anschliessend seine sichtlich verfilzte Rübe an meine Schulter zu legen. Da machte ich dann lieber wieder ´nen Abgang... Dilbert planlos in Kiel, noch über eine Stunde Zeit, alle Kneipen um den Bahnhof herum dicht und nix zu tun. In der Hoffnung auf Lesestoff erfragte ich mir den Weg zur nächsten Tankstelle, aber da dort nur der Nachtschalter geöffnet hatte liess ich es dann lieber bleiben. Wie soll ich denn wissen ob in einer Zeitschrift etwas interessantes steht wenn ich nicht vorher kurz reingeguckt hab?

    Irgendwie ging die Zeit dann trotzdem rum. Wie es die Nord-Ostsee-Bahn schafft schon den ersten Zug des Tages mit Verspätung einlaufen zu lassen weiss ich nicht. Um ca. viertel vor vier fuhr die Kiste los nach Rendsburg, wo der Karren mit fünf Minuten Verspätung dann ankam. Um halb fünf war ich endlich zu Hause.

    Meine Ohren fiepen immer noch, ich hab von den blöden "guten" Schuhen ´ne Blase am Fuss und bin, was den Tag-Nacht-Rhytmus angeht, völlig durch den Wind, aber: Das war´s wert!

    Fazit: In dieser Form gehören Lacrimosa, und nicht Torfrock nach Wacken! Und wenn im Herbst (Nachtrag: Oder irgendwann mal) die Live-DVD rauskommt werde ich wahrscheinlich mit einer Träne im Auge und einem Bier in der Hand bei Kerzenlicht vor der Glotze hocken und mich in Melancholie schwelgend an diesen wunderbaren Abend erinnern.

    Gruss
    Dilbert
     
  6. Paule

    Paule PTL-Team-Weltmeister 2010

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    Dilbert, beim besten Willen, diese Länge ... das hätte selbst ich mir nicht getraut, und dann noch nach Mitternacht. Und überhaupt, Lacrimosa ???????
    Immerhin, das setzt Maßstäbe. Wer sich das wohl wirklich durchliest?
    :huhu:
     
  7. Paule

    Paule PTL-Team-Weltmeister 2010

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    Selbstzitat ist selten - und hoffentlich erlaubt - denn sonst wäre mein aktueller Kommentar nicht zu verstehen:

    Das war´s wert!

    Gothic-Rock und Lacrimosa wird mit Dilbert erst schön! Auch um mittlerweile acht Minuten nach eins.

    :huhu:
     
  8. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Es soll auch Bekloppte geben, die sich meine Fussballstorys durchlesen. Die sind genauso lang. :zwinker:
     
  9. Itchy

    Itchy Vertrauter

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    Deswegen, deswegen.
     
  10. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Es gibt aber in Mexico Fans mit Deutschkenntnissen, die die Texte auf ihrer Fanclub-Homepage selbst übersetzen. So ganz egal scheinen die doch nicht zu sein.

    Gruss
    Dilbert
     
  11. Itchy

    Itchy Vertrauter

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    Verstehen ist nicht verstehen.
     
  12. Bonnie

    Bonnie Lady Confused

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    Netter und ein sehr ausführender Bericht, Dilbert:zwinker: Als ich das alles so gelesen habe kam mir vieles bekannt vor. Das fiepen in den Ohren kenne ich auch nur ZU gut, und auch das Durchmachen wenn man den Zug verpasst, und nix mehr fährt. So'n kleiner Tip von mir: Wenn Du Dir nicht in der Kälte die Nacht auf leeren Straßen um die Ohren schlagen willst - Der Sparkassen Vorraum ist warm, und man kann dort auch gut pennen:zwinker: Manchmal muss man halt improvisieren - ich kenn dat nur zu gut.

    Besonders schmunzeln muss ich dann doch bei dem Typen der Dich für nen Truck-Stop Fan hielt:D Ich glaub ich hätte den nur mit 5 ? im Gesicht angeschaut. Nun, sollte in Hamburg mal wieder ein Gig von Tilo Wolff & Co sein, ich bin dabei. Vielleicht läuft man sich ja sogar über den Weg:zwinker:
     
  13. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Torfrock, nicht Truck-Stop. Von Torfrock wird mir auf Dauer nur übel, bei Truck-Stop bekomme ich hingegen akute Kneipenzerlegungszustände. Deshalb meide ich solche Läden ja auch weiträumig.

    Wenn´s wenigstens John Denver gewesen wäre...
     
  14. Bonnie

    Bonnie Lady Confused

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    Ach herjeee...nun würfel ich auch noch Torfrock mit Truck-Stop durcheinander....*rotwerd*...John Denver ist angenehm zu hören:)...Eine Frage hätte ich aber noch: Ist das Bild mit Otto denn was geworden, oder ist der Fotoknipser nun auf dem Scheiterhaufen?:zwinker:
     
  15. Dilbert

    Dilbert Zynischer Querulant

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    Istb was geworden, aber leider noch auf meinem alten PC, glaube ich.

    Der Fotoknipser ist trotzdem inzwischen in Rente. Immer, wenn man das Ding gebraucht hat, waren die Batterien alle... um dann ´ne halbe Stunde später wieder völlig in Ordnung zu sein.

    Mit Fotoapparaten hab ich einfach kein Glück. Wahrscheinlich wird meine Digitalkamera in Wacken auch ständig den Dienst versagen, die verbraucht im selben Takt Batterien wie ich Bier.
     
  16. Bonnie

    Bonnie Lady Confused

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    Schade, daß Bild hätt ich mir doch gern mal angesehen:zwinker:

    Jaja, die Digicams machen schon so was sie wollen. Mein letzter hat bei nem Gig plötzlich gar nix mehr gemacht weil er wohl eingefroren war (sollte eigentlich auch bei -10 grad durchhalten wenn er im warmen Rucksack ist).