Gewalt im Schweizer Fussball

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von Herthafan1981, 26 Juli 2005.

  1. Wer sind die Hooligans?

    Und sind es nur Hooligans, die für gewalttätige Ausschreitungen an Sportanlässen in der Schweiz verantwortlich sind? Bei einer genaueren Betrachtung der Schweizer Fanszene wird ersichtlich, dass das Problem der Zuschauerausschreitungen komplex ist – und nicht nur eine einzige gewaltbereite Jugend(sub-)kultur dafür verantwortlich gemacht werden kann. Ein Fussballspiel wird von mehreren tausend Zuschauern besucht. Sie kommen mit ganz unterschiedlichen Motiven, Interessen und allenfalls Gewaltbereitschaft an einen Match. Dass nicht alle gewalttätig sind, muss wohl nicht weiter erläutert werden.

    Fan ist nicht gleich Fan: A-, B-, C- und E-Fans

    Der friedliche Fan wird im offiziellen Fachjargon der Fankategorie A zugeordnet. Er ist nicht gewaltbereit und geht ins Stadion, um Sport zu konsumieren. Gegen 90% der Stadionbesucher sind harmlose A-Fans. Die Fankategorie B beinhaltet die „richtigen“ Fans. Leichtfanatisch, in den Vereinsfarben geschmückt und im Stadion in grösseren Gruppen anzutreffen. In Fanclubs organisiert machen sie sich v. a. durch die lautstarken Fangesänge während des Spiels bemerkbar. Von ihnen geht, wenn überhaupt, verbale Gewalt aus („Schiri, du Arschloch!“). Ebenfalls als B-Fans sind die jüngeren Ultra-Gruppierungen zu betrachten. Nach südländischem Vorbild zeichnen sie sich verantwortlich für die aufwändigen Kurvenchoreografien während dem Stadioneinzug der Spieler – ihrer Helden. Beliebter Choreografiebestandteil ist das Abfeuern von Pyrotechnik. Dies können Leuchtpetarden sein, ähnlich den 1.-August-Raketen, oder bengalische Fackeln, ursprünglich als Notsignale in der Schifffahrt verwendet und bis zu 1000°C heiss. Pyrotechnik ist in Schweizer Sportstadien verboten; die Durchsetzung dieser Bestimmung führt immer wieder zu Scharmützeln zwischen Stadion-Security und den jugendlichen Ultras. Mögliche Gewaltaktionen von Ultras können als situativ d.h. unvorhergesehen bezeichnet werden. Die Gewaltform der Fankategorie C ist alles andere als situativ. C-Fans, oder eben Hooligans, planen ihre Gewaltaktionen lange im Voraus. Hooligangruppierungen, die sogenannten Hooligan-Firms, sind gewaltbereit. Das Fussballspiel betrachten sie als Vorgeplänkel für ihren Einsatz in der „dritten“ Halbzeit: eine vorher abgemachte Schlägerei auf einem Platz in Stadionnähe gegen die „Hools“ der gegnerischen Mannschaft. Die Hooligans sehen sich als eine Art „Elite-Fans“. Erhaben über die Aktionen im Stadion, nicht „verkleidet“ mit Fanutensilien wie die B-Fans und immer bereit für eine „gute“ Aktion. Für die Sicherheit der friedlichen A-Fans im Stadion drin stellen die Hooligans kaum eine Gefahr dar. Seit einigen Jahren wurde die Fankategorisierung um einen Typus erweitert: Nämlich um den E-Fan oder – blumiger gesagt – den erlebnisorientierten Fan. Laut Polizei handelt es sich dabei um jugendliche Randalierer auf der Suche nach „Fun und Action“. Mit Sachbeschädigungen im Rahmen von Sportveranstaltungen wird die Polizei provoziert; denn eine „geile“ Strassenschlacht gegen die „Bullen“ macht für E-Fan seinen „guten“ Nachmittag aus. Je nach Laune schwankt ein E-Fan zwischen den Aktionen der Ultras (v. a. Abfeuern von Pyrotechnik) und dem Aufmischen bei den Schlägereien der Hooligans. Die E-Fans werden seitens der Polizei gerne mit „1.-Mai-Krawalltouristen“ verglichen. Die clubtreuen Ultras, vor allem aber auch die „echten“ Hooligans, stören sich an der Vermischung der Fan-Kategorien durch die jungen E-Fans: „Das waren eben wirklich haargenau die Gleichen wie am 1. Mai, eben Erlebnisorientierte. Keine Regeln und sie scheuen den Körperkontakt! Die wollen nur die geilen Ausschreitungen, bei Körperkontakt würden sie lieber rennen, um dann aus der Distanz Stylos (Leuchtpetarden) auf die Meute abzufeuern. Das finden sie dann geil, das ist für sie der Kick.“ (Beni, 21*) Ebenso ist es den elitären echten Hooligans ein Dorn im Auge, dass die Medien „Hooligan“ synonym für die Verursacher jeglicher Gewaltvorkommnisse bei Sportveranstaltungen verwenden. Sehr verallgemeinernd lassen sich Zuschauerausschreitungen drei verschiedenen Fangruppierungen zuweisen. Innerhalb der Stadien sind es v. a. die Ultras, jüngere B-Fans, die durch das Abfeuern von Pyrotechnik die Sicherheitskräfte auf Trab halten. Für Sachbeschädigungen in und um die Stadien sind in erster Linie E-Fans auf der Suche nach Randale verantwortlich. Die Hooligans oder C-Fans schliesslich zeichnen sich durch verabredete Massenschlägereien im näheren Umfeld des Stadions aus. Wer sind die Hooligans? Was bringt Personen dazu, sich in aller Öffentlichkeit zu prügeln? „Machismo“? Lust auf „Fight Club“ auf Schweizer Strassen? Steckt hinter geplanter Hooligan-Gewalt eine Botschaft? Nach einer manchmal fast abenteuerlich anmutenden Kontaktaufnahme zur Zürcher Hooliganszene, kam es im Herbst 2003 zu 12 Interviews mit 16- bis 24-jährigen Hooligans des Grasshopper-Clubs Zürich. Das dabei entstandene umfangreiche Datenmaterial vermittelt spannende Einblicke in die „Szene“.

    Die Subkultur der Hooligans ist eine reine Männerdomäne. Der Zusammenhalt innerhalb der Firm, der einzelnen Hooligan-Gruppe, wird gross geschrieben. Die Mitglieder haben sich an den Ehrenkodex zu halten: Waffen sind verpönt, Hooligans kämpfen nur gegen Gleichgesinnte, wenn möglich gegen eine gleich grosse andere Firm, und wenn der Gegner am Boden liegt, wird nicht mehr nachgetreten. Hooligans sind entgegen vieler Vorurteile nicht ungebildete Scheidungskinder aus der Unterschicht. „Bei uns hat es vom Handwerker, über den Studi bis zu Leuten mit eigener Firma alles dabei! Das finde ich eben auch das Schöne an der Szene. Meine Eltern sind auch nicht geschieden; das werden wir ja oft gefragt. Meine Kindheit war also echt in Ordnung, so mit Familie und Schule.“ (Serge, 16*) Hooligans sind politisch eher „konservativ, traditionell“. Die Interviewten sehen sich als SVP-Wähler. Diese eher rechtspolitische Einstellung ist aber nicht schweizweit für alle Firms zu verallgemeinern, sondern eher eine Eigenheit der Hooligans des Grasshopper-Clubs Zürich. Die Hooliganszene Basel beispielsweise kann als politisch neutral bezeichnet werden. Von der politischen Gesinnung auf höhere Gewaltbereitschaft zu schliessen, ist ein Trugschluss. Hooligans betonen, dass hinter ihren Aktionen keine politischen Motive stecken. Dies lässt sich durch Beobachtungen bestätigen.

    Die Schweizer Hooligan-Firms

    Eine Firm besteht durchschnittlich aus einem harten Kern von 30-50 jungen Männern. Die Organisation der Gewaltaktionen liegt bei zwei, drei Organisatoren, meist langjährige, gesellschaftlich gut gestellte Szeneexponenten mit engem Kontakt zu den Hooligangruppen der anderen Städte. Während einer Schlägerei lassen sich die Gruppierungen durch ein erfahrenes, kampferprobtes und mutiges Mitglied anführen, einen „Draufgänger“. Dadurch, dass sich die „Hools“ der verschiedenen Firms gegenseitig kennen, besteht die paradoxe Situation, dass die „Feindbilder“ sich innerhalb der gleichen Subkultur bewegen. Die Hooligans sehen darin in erster Linie eine Erleichterung in der Organisation einer „guten“ Aktion: „Also ich kenne etwa drei Typen aus Basel; den einen kannte ich schon länger, also schon bevor ich in der Hoolszene aktiv wurde. Ja, vor allem mit dem hab ich Kontakt. Bei den Bernern kenn ich noch einen, ansonsten hat es sich eigentlich mit den Connections.“(Meier, 20*) Die grössten Firms der Schweiz stellen die Bande Basel (FC Basel), gefolgt von der Hardturm-Front (GC Zürich) und den City Boys (FC Zürich) dar. Momentan eher klein ist die EastSide-Firm (Berner SC Young Boys). Bis Anfang/Mitte der 90er Jahre gab es in Genf noch die Section Grenats (Servette) und die Hooligans des FC Lugano. Während der Fussballwinterpause sind die Hools bei den Eishockey-Clubs in leicht anderer Zusammensetzung aktiv; die Hardturm-Front und die City Boys beispielsweise vereinen sich unter der Fahne des ZSC zu „Zurich United“.

    Vorspiel für die 3. Halbzeit

    An einem Matchtag versammeln sich die Hooligans mehrere Stunden vor Anpfiff, um sich bei ein paar Bierchen „einzustimmen“, jedoch im gesunden Masse: „Ich betrinke mich jetzt nicht vor einem Match, ich trinke sicher ein paar Bier oder Smirnoff oder so, aber ich muss immer klaren Kopf behalten, sonst kann ich nicht mehr boxen und schlage noch daneben“ (Mächler, 24*). An Auswärtsspiele reist man zusammen mit der Firm, dies jedoch meist mit dem Car oder mit Privatautos und nicht im offiziellen Fan-Zug. Man will der Polizei nicht schon am Bahnhof in die offenen Arme rennen. So wurden denn auch am 5. Dezember 2004 bei der Grossaktion der Stadtpolizei Zürich am Bahnhof Altstetten keine Hooligans, sondern v. a. Ultras, E-Fans und friedliche A-Fans kontrolliert und verhaftet. Die „Bande Basel“ reiste mit dem Car bereits am frühen Nachmittag an, um sich im Zürcher Niederdorf mit der Hardturm-Front zu boxen; für einmal ohne „Bullen“, die warteten in Altstetten auf den Extra-Zug. Findet der Match unter der Woche statt und eine grosse Aktion ist geplant, melden sich die Hools zwecks Vorbereitung auch schon mal bei ihrem Arbeitgeber ab: „Also ich habe ja letzte Woche auch Spätschicht gehabt, hätte also am Abend arbeiten müssen. Dann war ich einfach „krank“ am Mittwoch! Den Chef angerufen, mich abgemeldet und schnell ein Zeugnis beim Arzt geholt. Dann hab ich den Tag durch noch ein wenig relaxed und ging dann gegen Abend zum Treffpunkt, also in diese Beiz.“ (René, 20*)

    Endlich – der Kampf

    Hooligan-Firms sind während dem Match nicht zwingend im Stadion anzutreffen. Um den Gegner und v. a. die Polizei zu verwirren, verfolgt man das Spiel in einer stadionnahen Beiz, um dann gegen Spielende hinter dem Stadion auf die gegnerische Firm zu warten: „Im Vorfeld wurde das Derby, also die 3. Halbzeit gross angekündigt. Die Polizei war informiert. Wären wir ins Stadion rein, wäre es wahrscheinlich nicht so gelaufen wie wir’s geplant hatten. Die Bullen hätten uns wohl eingekesselt. Darum gingen wir diesmal nicht an den Match.“ (Dani, 19*) Die gewaltsamen Aufeinandertreffen finden meist auf grösseren Plätzen in der Nähe des Stadions statt. In Zürich kommt häufig dem Albisrieder-Platz (Letzigrund-Stadion) oder dem Escher-Wyss-Platz (Hardturm-Stadion) diese unrühmliche Ehre zu. Die beiden Firms stehen sich nach regem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei in einigen Metern Abstand gegenüber; die beiden Mobs stürmen wild aufeinander zu, Fäuste und Füsse fliegen, junge Männer gehen zu Boden, andere rennen fluchtartig davon. Nach höchstens einer Minute löst sich die Gewaltszenerie wieder auf. Trotz Ehrenkodex verlaufen Hool-Schlägereien nicht immer fair. Waffen sind zwar verpönt, fliegende Stühle oder herumliegende Holzlatten sind aber nicht selten: „Also dann sind die City Boys mit noch mehr Leuten gekommen. Wir von der Hardturm-Front haben genau das gemacht wie geplant. Wir blieben stehen, bis die Citys auf 10 Meter angerannt waren, erst dann rannten wir auf ihren Mob drauf! Wir blieben voll kompakt und sie mussten zu Waffen greifen, haben Stühle, Flaschen und alles Auffindbare geworfen! Wir haben trotzdem gewonnen, sie mussten bös rennen! Das war ein guter Abend!“ (Mächler, 24*) Auch wenn Firms von je 40 Hools aufeinanderprallen, kommen die wenigsten zu einer 1:1-Boxerei. Nur jene, die sich in den ersten beiden Reihen des Mobs eingereiht haben, kommen zum Kampf, die restlichen Hools bilden durch wildes Herumrennen und -schreien die anonyme Masse. „Also ich will einfach immer zu vorderst sein. Ich will, dass etwas läuft, weil ich hab mich im Verlauf des Abends voll hochgepusht!“ (Mauro, 22*)

    Die Ruhe nach dem Sturm – Verletzungen

    Schwere Verletzungen tragen auch die Hooligans der ersten Reihe höchst selten davon. Einen Nasenbeinbruch hat jedoch fast jeder Hool schon mal erlitten. „Das muss man wohl in Kauf nehmen als Hool, wirklich schwer war’s aber noch nie. Die Nase zweimal kaputt und den Kiefer ausgerenkt, that’s it! Die Reparatur kostet halt einfach viel. Das glaubt dir keine Versicherung, und den Gegner zeigst du nicht an, das ist Ehrensache und wird beim nächsten Mal untereinander geregelt!“ (Serge, 16*)

    Die Polizei als Schiedsrichter

    Das Verhältnis zwischen den Hooligans und der Polizei darf als eine Art „Hassliebe“ bezeichnet werden. Die befragten Jugendlichen und die Zivilpolizisten der Stadtpolizei Zürich kennen sich mit Namen – nicht nur aufgrund von Festnahmen– sondern auch aus ungezwungenen Gesprächen an friedlich verlaufenden Matches. Bei den Hooligans herrscht zwar überwiegend die Meinung, dass sie von den Polizisten zu stark an der Ausübung ihrer Aktionen gehindert werden. Es wird aber auch eingesehen, dass die Polizei lediglich ihren Job macht. Die Jugendlichen – auch wenn es nicht gerne zugegeben wird – nehmen gerne die Hilfe der Polizei in der Rolle des „Schiedsrichters der 3. Halbzeit“ an, um sich so vor einem übermächtigen gegnerischen Mob oder vor unfairen, bewaffneten Gegnern zu schützen. Die Polizei versucht in erster Linie, die unbeteiligten, neugierigen Matchbesucher zu schützen, die sich in der Nähe der Schlägereien aufhalten. Hooligan-Aktionen ziehen immer viele Schaulustige an. Obwohl sich die Hooligans mit ihrem Ehrenkodex dazu verpflichten, nur gegen Gleichgesinnte zu kämpfen, besteht je nach Kampfverlauf die Möglichkeit, dass der Mob in unvorhergesehene Richtungen auseinanderrennt und dabei Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten. Wenn sich die Polizei sicher ist, dass sich zwei gleichstarke Firms – ohne unberechenbare E-Fans im Hintergrund – formiert haben, wird den Hooligans auch schon mal die Gasse zwischen dem Wasserwerfer geöffnet, damit sie ihr „Ding“ durchziehen können.

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  3. Sensation-Seeking und Flow – vom „Innenleben“ der Hooligans

    Organisiertes Boxen in Gruppen! Vorfreude auf eine Schlägerei! Sich voll hochpushen! Sind diese jungen Männer „geil“ auf Gewalt, „geil“ auf geplante Gewalt als illegalen Kampfsport? Was geht in einem Hooligan vor? „Also am Derby-Mittwoch hatte ich ja Schule, ich hatte den ganzen Tag ein Kribbeln! Vorfreude total! Aber eben auch Angst – du weisst ja nie genau, was am Abend so alles abgeht! Aber eigentlich freust du dich den ganzen Tag.“ (Dani, 19*) „Ich war aufgeregt! Du weisst nur, dass wir so gegen 80 Leute mobilisiert haben und die anderen auch schon mit 150 dort standen! Ich hab dem Vater am Morgen noch ein Mail geschrieben, nicht als Abschied, aber ich hatte einfach so ein Mitteilungsbedürfnis. Dir spuken den ganzen Tag die Storys der Alt-Hools im Kopf rum, so Zeugs wie ‚vor zehn Jahren beim Derby hatte einer ein Messer im Rücken‘ und K.O. wegen Flaschen über dem Kopf und so. Gegen Abend wirst du immer nervöser, das Adrenalin baut sich auf! Wenn du dann vor dem Gegner stehst, beginnst du zu zittern, dann kommt der Röhrenblick und dann einfach nur noch drauf, das ist einfach geil! Dafür schläfst du nachher, wenn das Adrenalin absackt, fast ein. Ich hab manchmal wie Fieber, huere müde und penne schon im Zug oder im Auto ein, so die totale Erlösung halt!“ (Mächler, 24*) Hooligans sind auf der Suche nach Adrenalin-Kicks. In der Wissenschaft wird auch von „Sensation-Seeking“ gesprochen– je gefährlicher und illegaler eine Aktion, desto grösser das Befriedigungsgefühl, das sich im Körper ausbreitet. Viele der Hooligans übten schon Extremsportarten aus wie Bungeejumping, X-treme Skiing oder Fallschirmspringen: „Es ist aber ganz was anderes als beim Bungee, viel geiler! Das verstehen eben viele Leute nicht. Der Zusammenhalt in der Firm vor dem Match, die gemeinsame Vorfreude auf die dritte Halbzeit, das macht es wohl aus!“ (Serge, 16*) Der Soziologe Csiksentmihalyi begründet intrinsisch motivierte Handlungen mit dem „Flow-Erlebnis“. Personen können bei jeglicher Art von Beschäftigung in einen solchen Rauschzustand geraten. Einerseits erleichtert der „Flow“ das Meistern der entsprechenden Herausforderung, andererseits ruft er auch einen beglückten Gefühlszustand hervor. Die befragten Hooligans beschreiben bei ihren Aktionen über Stunden andauernde Erregungszustände. Beim Abflachen ihres „Flows“ sind sie total erschöpft. Das sehr bewusste Erleben von „Adrenalin-Kicks“, „Zusammenhalt“, „Mut“ und „Kraft“ wird von den Hooligans als Sucht bezeichnet. Viele von ihnen kommen über Jahre hinweg nicht mehr davon los, Wochenende für Wochenende in der Gruppe in diesen „Flow“ hineinzugeraten.

    Gewalt abseits vom Match

    Hooliganismus als Extremsportart mit Ehrenkodex als Reglement? Wenn dem so wäre, erstaunen jedoch die Vorstrafenregister der Hooligans. Gemäss Kodex hätten sie ja keine gegenseitigen Anzeigen zu befürchten. Die Hools bevorzugen zwar ganz klar eine „gute Aktion“ gegen eine andere Firm. Eine Provokation – nicht im Zusammenhangmit Hooliganismus – lässt man aber ungern auf sich ruhen: „Ja, also im Ausgang hab ich mir schon drei Anzeigen wegen Körperverletzung reingezogen.“ (Serge, 16*) „Ich f***e aber jetzt am Weekend nicht sinnlos Leute an, es kann aber schon vorkommen, dass mich einer zu stark provoziert und dann wehre ich mich halt! Ich bin aber eigentlich nicht auf Streitsuche.“ (Meier, 20*) „Naja, ich gehe halt schon bewusst in Lokale, wo manchmal aggressive Stimmung herrscht. Im Ausgang suche ich auch kein Hool-mässiges sauberes 1:1, man ist vielleicht zu dritt und schaut, dass mindestens 10 Greenhorns ein bisschen provozieren. Die haust du dann weg! Du suchst halt schon den Kick, und das kannst du nicht einfach abstellen, nur weil im Fussball gerade Winterpause ist!“ (Mächler, 24*) Einige der Interviewpartner sind auch ausserhalb der Hooliganszene nicht abgeneigt, sich auf Schlägereien einzulassen. Sie weisen aber klar darauf hin, dass solche Schlägereien immer aufgrund von Provokationen der Anderen beginnen. Dieses bewusste Einnehmen der Opferrolle wird auch als „Täter-Opfer-Umdefinition“ bezeichnet.

    Hooliganismus als Extremsportart?

    Nicht alle Hooligans sind in gleichem Masse fähig, zwischen den geplanten Gewaltaktionen der Firms und Provokationen im „Privatleben“ zu unterscheiden. Bei den jungen Männern ist jedoch nicht ein permanent erhöhtes Aggressionspotenzial auszumachen. Unter gegebenen Umständen sind sie aber in höchstem Masse bereit, Gewalt anzuwenden. Schlägereien betrachten sie in keiner Weise als moralisch verwerflich. Vielmehr stellen ihre „guten“ Aktionen eine Möglichkeit dar, sich einen „geilen Kick reinzuziehen“. Auf das Kampfereignis pushen sie sich in der Gruppe gezielt auf ein gewisses Aggressionsniveau. Gegenüber dem Gegner haben sie keine Hassgedanken: „Es ist wie beim Ringkampf! Also ich mach in der Freizeit ja noch Kickboxen und dort lernst du halt wirklich: Ein Kampf ist ein Kampf. Du musst einen Gegner nicht hassen, um zu boxen. Du willst ihn einfach besiegen, es ist ein Sport!“ (Beni, 21*)

    Zero-Tolerance für Hooligans

    Den Medien zu Folge greift die Gewalt in Schweizer Sportstadien immer stärker um sich. Zuschauerausschreitungen scheinen zunehmend eine unvermeidbare negative Begleiterscheinung von Sportveranstaltungen zu sein. Die Politik sieht entsprechend Handlungsbedarf: Das „Departement Blocher“ trifft ab 2007 mit einer landesweiten Datenbank, mit Ausreiseverboten und Meldeauflagen für Gewalttäter an den Spieltagen höchst restriktive Massnahmen: Zero-Tolerance für Hooligans. Um das Problem der Gewaltausschreitungen bei Sportveranstaltungen in den Griff zu bekommen, bedarf es aber vor allem einer klaren Ausdifferenzierung der verschiedenen Fanszenen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Personen festgenommen werden und darauf in (inter-)nationalen Gewalttäterdatenbanken auftauchen, nur weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Die zentrale Frage autet daher: Wer ist in welchem Fall für welche Form von Gewalt verantwortlich? Starke Repressionsmassnahmen führen zwar zu einer vermeintlich schnellen Lösung des Problems. Wie jedoch Beispiele aus England oder Deutschland zeigen, handelt es sich bei diesem „Erfolg“ eher um eine Verdrängung der Gewalttäter weg vom Stadion auf Autobahnrastplätze oder grössere Parkplätze in der Agglomeration. Nachhaltige Wirkung ist durch eine Zero-Tolerance-Strategie kaum zu erwarten. Einen nachhaltigeren Ansatz verfolgen sozialpädagogische Fanprojekte. Durch das Fördern einer „gesunden Fankultur“ in der Fankurve sollen die positiven Ressourcen der meist jugendlichen Fussballanhänger genutzt werden. „Geile Stimmung in den Stadien“ lautet das Motto sozusagen. Durch „gesunden“ Fussball ohne Gewalt, Rassismus und Sexismus wird den Gewalttätern auf lange Frist die Basis entzogen. Leider sind die Resultate von Fanprojektarbeit nur sehr langfristig spürbar, die Öffentlichkeit und vor allem die Medien verlangen jedoch Sofortmassnahmen gegen die „Hooligans“. Die „richtigen“ Hooligans interessieren sich wenig für Fanprojekte. Und auch die Polizei ist für sie in erster Linie nur als „3. Halbzeit-Schiri“ relevant. Die Hooligans verlangen für die Ausübung ihrer geplanten Gewaltaktionen Freiräume, ohne staatliche Kontrolle und ohne Schaulustige. Ob dies eine wirksame Lösung wäre, ist aber zu bezweifeln. Denn eine öffentliche Erlaubnis zu geplanten Gewaltaktionen auf einer abgelegenen Waldlichtung würde den Hooligans den von ihnen so geliebten Status der „bösen Buben“, der krassen Elite-Fans im und ums Stadion nehmen. Ihr verruchtes „Hobby“ wäre auf einmal legal. Sie hätten keine staunenden, ängstlichen Beobachter, keine Medienberichte mehr und auch keine staatliche Sicherheit im Rücken, falls sich eine Firm mal nicht an die Fairnessregeln des Ehrenkodex’ halten sollte. Ob dadurch der so geliebte Kick noch zu finden wäre, konnte bislang aufgrund gesellschaftsmoralischer Vorbehalte noch nicht getestet werden.

    * Name geändert; Alter zum Zeitpunkt des Interviews

    Quelle: Maurice Illi hat unlängst sein Soziologiestudium an der Universität Zürich abgeschlossen. Mit Hooliganismus beschäftigte er sich im Rahmen seiner Lizentiatsarbeit „Hooliganismus in der Schweiz- Erscheinungsformen und Ursachen“.[/size]