Deutsches Wahlrecht verfassungwidrig (Mathematiker vor)

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von Holgy, 4 Juli 2008.

  1. Holgy

    Holgy PTL-Meister 2011/12 Moderator

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    Das ist Demokratie, langweilig wird sie nie! Teil III

    Das BVG hat festgestellt, dass das dt. Wahlrecht verfassungwidrig ist. Das ist ja nun mal wirklich früh aufgefallen! Leider, leider wird diese Erkenntnis aber nicht konsequent in die Tat umgesetzt, da weder die letzten Wahlen für ungültig erklärt werden, noch die nächste Bundeswahl nach einem neuen Wahlrecht durchgeführt werden muss. lol

    Und was ist nun eigentlich das Problem? Die Regelung mit den Überhangmandaten, die dazu führt, dass mehr Stimmen zu weniger Sitzen im Parlament führt. :gruebel: Ja, das ist wie immer der Mathematik, schwer zu erklären. Deshalb übergeben ich nun an unsere Board-Mathematiker.

    Vorschläge für ein neues Wahlsystem sind natürlich auch willkommen!
     
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  3. Rupert

    Rupert Je suis soleil

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    Kalter Kaffee, daß die Überhangmandate zunehmen, liegt v.a. daran, daß wir kein 3-Parteien System mehr haben, sondern mittlerweile ein 5-Parteiensystem.

    Viel Lärm um nichts.
     
  4. BoardUser

    BoardUser Jede Saison ein Titel! Administrator Moderator

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    Was wäre denn die Alternative? Wenn der Spruch so wie von dir gewünscht ausgegangen wäre, dann wäre der jetzige Bundestag ungültig bzw. unlegitimiert, damit alle Gesetze ungültig, einschliesslich derer, die dem Bürger nicht nur Geld kosten sondern auch bringen. Ein heilloses Durcheinander mit keiner Möglichkeit, irgendetwas zu verrechnen. Und was die nächste Wahl anbelangt: Ist es besser, jetzt schnell irgendwie zu korrigieren, was zu Folge haben könnte, dass das Wahlrecht auch noch ungerechter wird, oder lieber etwas Zeit geben, damit es nunmehr richtig gemacht wird?

    Ich finds so in Ordnung. Nicht in Ordnung finde ich jedoch auch, dass darauf nicht schon der Gesetzgeber von selbst gekommen ist.
     
  5. Holgy

    Holgy PTL-Meister 2011/12 Moderator

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    :top: Genau das schwebt mir vor! :zahnluec:
     
  6. pauli09

    pauli09 2. Ewige Tabelle "1gg1"

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    wie war doch gleich die definition für "terrorist"? :zahnluec:
     
  7. Princewind

    Princewind Rassist und Lagerinsasse

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    Trägt in der Öffentlichkeit schwarze Roben, schwafelt wirrews Zeug daher und rechnet nach der BRaGO ab ;)
     
  8. Detti04

    Detti04 The Count

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    Das ist weniger eine Frage der Mathematik, sondern mehr eine Frage der Gesetze. Die Verteilung der Waehlerstimmen auf Abgeordnetensitze geschieht auf zwei Ebenen, naemlich durch eine Ober- und eine Unterverteilung:

    Bei der Oberverteilung wird die Anzahl aller bundesweit erhaltenen Stimmen einer Partei auf die Gesamtzahl der Sitze umbrochen, die sie erhalten soll. Als Beispiel: "Die Partei" hat 20% aller Stimmen erhalten und bekommt dafuer 150 Sitze im Bundestag. (Die Zahlen sind rein fiktiv.)

    Bei der Unterverteilung wird die Gesamtzahl der Sitze einer Partei auf Sitze pro Bundesland fuer diese Partei umbrochen. Wieder als Beispiel: "Die Partei" bekommt fuer die Zahl ihrer Waehlerstimmen in Bayern und Hessen 40 bayrische und 10 hessische Abgeordnete. Soweit klar?

    Zu Ueberhangmandaten kommt es nun, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktsitze gewinnt, als ihr nach der Unterverteilung in diesem Bundesland zustuenden. In unserem Beispiel: Hat "Die Partei" in Hessen 12 Wahlkreise direkt gewonnen, so erwirbt sie in Hessen

    12 (Direktmandate) - 10 (Sitze, die ihr nach der Unterverteilung zustehen) = 2 Ueberhangmandate.

    Diese werden NICHT ausgeglichen, sodass "Die Partei" schlussendlich

    150 Sitze aus der Oberverteilung + 2 Ueberhangmandate = 152 Sitze

    erhaelt. Sie hat also letzlich mehr Sitze erhalten, als ihr nach der Oberverteilung zustehen.

    ******

    Im Extremfall kann dies sogar zu Stimmen mit negativem Gewicht fuehren, und zwar wie folgt:

    Sagen wir, in unserem Beispiel muesste irgendwo in Hessen nachgewaehlt werden. Jetzt faehrt "Die Partei" mehr Stimmen ein als vorher, aber nicht genug, um die Oberverteilung zu aendern, d.h. ihr stehen bundesweit immer noch 150 Sitze zu. Allerdings aendert sich die Unterverteilung zugunsten der hessischen Landesliste, d.h. dieser stehen jetzt 11 Abgeordnete (statt vorher 10) zu; da sich die Gesamtzahl der Abgeordneten aber nicht aendert, geht dieser Listenplatz aber zu Lasten einer anderen Landesliste, z.B. der bayrischen. Somit bekommt "Die Partei" also nur noch 39 bayrische Abgeordnete statt vorher 40. Viel uebler ist aber, dass "Die ParteI" in Hessen jetzt nur noch

    12 (Direktmandate) - 11 (Sitze, die ihr nach der Unterverteilung zustehen) = 1 Ueberhangmandat

    erhaelt und somit nur noch 151 (statt vorher 152) Sitze. Der Stimmenzuwachs wird also mit dem Verlust eines Sitzes belohnt!


    Es ist also absolut ueberfaellig, dass diese Gesetze geaendert werden. Entweder muss man Ueberhangmandate ausgleichen oder die Direktmandate in die Unterverteilung einbeziehen.
     
  9. Rupert

    Rupert Je suis soleil

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    Korrekt.
    Die Reduzierung der Gesamtsitze entsteht aber in Deinem Beispiel nicht direkt durch das verlorene Überhangmandatmandat in Hessen; die 12 Sitze für Hessen bleiben ja bestehen. Das negative Gewicht wirkt sich in Bayern aus, das jetzt nur noch 39 Sitze erhält, da ein Überhangmandat durch die neue Unterverteilung in Hessen eliminiert wurde.