Bedingungsloses Grundeinkommen

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von Philipe, 4 Oktober 2009.

  1. Philipe

    Philipe Guest

    Immer häufiger ist in letzter Zeit vom sogenannten Bürgergeld oder dem Grundeinkommen zu hören. Mich würde einmal interessieren, was ihr von dieser (gar nicht so neuen Idee) halten. Da ich nicht weiß, inwieweit sich hier alle damit auskennen (oder überhaupt schon einmal etwas davon gehört haben), möchte ich noch schnell eine Art Grundmodell dieser Idee aufzeigen – da es verschiedene Modelle gibt, habe ich versucht micht hauptsächlich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, natürlich ohne den Anspruch auf Vollständigkeit:


    ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------



    Die Grundprinzipien (Definition) des Grundeinkommens (und damit allen Modellen gemeinsam) sind in erster Linie folgende:

    Ein Grundeinkommen ist ein Einkommen, das bedingungslos jedem Mitglied einer politischen Gemeinschaft gewährt wird. Es soll
    die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
    einen individuellen Rechtsanspruch darstellen,
    ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden,
    keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.

    Es handelt sich bei dem Grundeinkommen um eine Form von Mindesteinkommensicherung, dessen Einführung das bisher existierende Sozialsystem ablösen soll. Es wird dabei nicht an Haushalte sondern an den Einzelnen ausbezahlt, es soll unabhängig von sonstigen Einkommen sein und es wird bedinungslos ausbezahlt.

    Die Befürworter eines bedinungslosen Grundeinkommens gehen davon aus, dass unser jetztiges Sozialsystem nicht mehr finanziebar ist und deshalb nach Alternativen ausschau gehalten werden muss. Nichtmehr finanzierbar, weil soziale Leistungen und Unterstützung zu im jetzigen Sytem zu stark an Erwerbseinkommen gekoppelt ist. Hier stellt sich die Frage, wie groß überhaupt momentan der Anteil der Bevölkerung ist, die dieses Erwerbseinkommen bekommen und wieviele von Transferleistungen leben. Hierzu ein paar Zahlen vom Statistischen Bundesamt:

    4 von 10 – gehen einer bezahlten Arbeit nach
    3 von 10 – sind Angehörige von diesen
    2 von 10 – erhalten Rente
    1 von 10 – leben von Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern

    Das bedeutet: ca. 40 % der Bevölkerung der BRD geht einer Erwerbstätigkeit nach, 60% lebt von Transfereinkommen. Umso mehr Menschen jedoch von Transferleistungen leben, umso weniger Geld fließt in die Staatskassen (über die eben ein großer Teil der Transferleistungen finanziert werden).


    Das Grundeinkommen bedeutet allerdings nicht, dass jeder mehr Geld als vorher hat, sondern das Grundeinkommen wächst in das bereits bestehende Einkommen hinein. Demendtsprechend wird das Erwerbseinkommen geringer. Die Höhe des Gesamteinkommens ändert sich hierbei nicht. Nur die Zusammensetzung ändert sich. Es handelt sich also um eine neue Art des Einkommens, das immer bei der Person bleibt. Dabei gilt zu beachten:

    Das Grundeinkommen ersetzt staatliche Transfereinkommen bis zu seiner Höhe und nur wo Sozialleistungen darüber hinaus von Nöten wären bleiben sie erhalten. Mehr Geld bekommen also nur diejenigen die heute weniger haben, das betrifft vorallem Kinder und Jugendliche (also Familien), Empfänger von Rentenbezügen, Kleinselbständige.

    Damit sollen vorallem zwei Ziele erreicht werden: Aufhebung der Armut und Stabilisierung der Mittelschicht.


    Stellt sich natürlich die Frage, wie das ganze finnziert werden soll. Hierzu muss man wissen, dass zur Zeit in Deutschland ca. 47% der Wertschöpfung über Steuern an den Staat geht, damit schulen, Straßen, Sozialleistungen etc. bezahlt werden können. Beim Grundeinkommen fallen hierbei ersteinmal die Einkommen raus, die der Staat bezahlt ( Angestellte vom Staat, Sozialleistungen. Von größerer Bedeutung ist das privatwirtschaftliche Einkommen.

    Hier solle eine Steuerreform stattfinden. Die versteckten Steuern (Einkommenssteuer und Lohn-Nebenkosten), die im Endeffekt ebenfalls der Endverbraucher bezahlt, werden abgeschafft. Dafür steigt die Mehrwertsteuer. Die Steuern werden also nur noch über das Endprodukt bezahlt. Da zwar die Mehrwertsteuer steigt, aber die Nebenkosten beim Produktablauf sinken, werden die Produkte allerdings nicht teuerer (so der Grundgedanke). Was allerdings gleichzeitig sinken würde, währen die Lohnleistungen, diese würden jedoch durch das Grundeinkommen wieder auf gleiches niveau angehoben. Dies hätte auch zur Folge, dass zum Beispiel Schwarzarbeit quasi nicht mehr existieren würde – allerdings würden wohl Schwarzverkäufe steigen. Allerdings würde hier wohl die einzige Möglichkeit bestehen Steuerhinterziehung zu gestallten. Was jedoch die Arbeit der Steuerfahndung erleichtern würde.

    Die soziale Komponente:

    Die soziale Komponente würde durch eine Negativsteuer gesichert werden. Gehen wir einmal davon aus, dass das Grundeinkommen 1000 Euro beträgt und die Mehrwertsteuer 50%. Bekommt also eine Person 1000 Euro vom Staat, gibt diese 1000 Euro aus, bekommt sie im Endeffekt 500€ Grundeinkommen. Verdient sich jemand 500€ dazu, besitzt er 1500€, gibt er diese aus, zahlt er 750€ und erhällt somit eigentlich 250€ Grundeinkommen. Bei 2000€ einkommen (1000+1000) wäre das eigentliche Grundeinkommen gleich 0, verdient einer Mehr, zahlt er Steuern. Es findet also sowohl nach unten, wie auch nach oben eine Progression statt.

    Noch einmal zu den Löhnen: Vorhin habe ich geschrieben, dass die Löhne sinken würden. Die Idee des Grundeinkommens geht allerdings davon aus, dass dies nur Bedingt der Fall währe. Nämlich nur für den Fall, in denen Unternehmer in der Lage währen, die menschliche Arbeitskraft zu ersetzten. Jedoch wäre in diesem Fall die Menschliche Arbeitskraft nicht mehr in allen Bereichen sehr viel teurer sein, als das einsetzten von Maschinen (Einkommensteuern, Versicherung etc. muss bisher für eine Maschine zum Beispiel nicht bezahlt werden).

    Auch würde die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer damit gestärkt werden, da ihnen das Grundeinkommen eine gewisse Sicherheit geben würde.


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    So, ich entschuldige mich für den langen Text, die Tipp- und Rechtschreibfehler, gram. Fehler etc. Ich wollte einfach eine Basis schaffen, die eine mögliche Diskussion ermöglicht und habe das Ganze einfach schnell herunter getippt...

    Also, was haltet ihr von der Idee eines bedinungslosen Grundeinkommen? Eine Alternative zum derzeitigen Sozialsystem? Was spricht dagegen? Was dafür? Wo sind die Schwächen bei diesem Modell etc... würde mich über Eure Meinung sehr freuen...
     
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  3. Rupert

    Rupert Je suis soleil

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    Muss ich mir erst mal von vorne bis hinten durch den Kopf gehen lassen - kann also schon mal gut sein, dass nix bei rumkommt ;)

    Als erster Einwurf fällt mir spontan ein, dass der Vorschlag wahrscheinlich kaum vermittelbar sein wird, weil sofort aus allen Ecken der Einwand kommen wird: "Was? Nix arbeiten und Geld bekommen? Das ist ja schlimmer als im Kommunismus."
    Wie gesagt: Das ist jetzt nur eine von mir antizipierte Reaktion aus Teilen der Gesellschaft.
     
  4. Philipe

    Philipe Guest

    Klar kommt der Vorwurf. Genauso wie der Vorwurf, dass dann keiner mehr arbeiten würde. Was dabei vergessen wird, ist, dass es ja auch heute schon Transferleistungen gibt. Auch heute schon haben Menschen, die nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen können ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Unterhalt. Beim Grundeinkommen währen es eben keine Almosenleistungen mehr – mit entsprechenden Folgen für den Empfänger. Es geht also auch darum, welches Menschenbild man hat - ob man bereit ist, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen oder nicht.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 10 September 2013
  5. Rupert

    Rupert Je suis soleil

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    Dein letzter Satz wäre bei einer solchen Diskussion genau der springende Punkt, denke ich. Wenn man's etwas anders formulieren wollte, könnte man auch noch sagen, es geht darum der Gesellschaft zu vermitteln, dass sich der Mensch nicht nach dem erlösten Geld bewerten lässt.
    Damit wären wir auch wieder beim Traum der Vollbeschäftigung, der heute immer wieder propagiert wird, die es jedem ermöglicht sein Leben selbst zu gestalten und zu finanzieren. Auch komplett irrational.
     
  6. Philipe

    Philipe Guest

    Ja und Nein. Vorallem geht es darum der Gesellschaft zu vermitteln, dass es Vollbeschäftigung nicht geben wird. Im Gegenteil, in vielen Bereichen wird die menschliche Arbeitskraft einfach immer weniger benötigt... eben mit entsprechenden Folgen für das Sozialsystem. Das Umdenken bei einem Modell wie dem Grundeinkommen würde auch darin bestehen, die Menschen von der Bedürftigkeit zu befreien, arbeiten zu müssen um Überleben zu müssen. Diejenigen, die eben, aus welchen Gründen auch immer, keine Arbeit finden können, müssten keine (irrationalen) Bedingungen mehr erfüllen um Sozialleistungen zu erhalten und damit auch nicht der Möglichkeit beraubt, seine Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen - aber da scheinen wir ja einer Meinung zu sein ;).
     
  7. huelin

    huelin Quite clear, no doubt, somehow

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    Eine Art Grundeinkommen gibt's ja in Deutschland eigentlich schon, nämlich Hartz IV. Die Unterschiede sind wohl eher psychologischer Art.

    Mir schwebt ja irgendwie immer vor, dass die Empfänger dieses Grundeinkommens auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben sollten. Natürlich kommt da schnell der negative Begriff des "Arbeitsdienstes" ins Spiel. Aber es gibt doch genug zu tun, gerade im Umweltbereich. Und die Leute hätten abends wieder das Gefühl, etwas Nützliches getan zu haben.

    Näher will ich das jetzt nicht ausführen. Könnte aber eine Überlegung wert sein, denke ich.
     
  8. Philipe

    Philipe Guest

    Aber dann wäre es ja nicht mehr Bedinungslos. Also genau das gleiche, was wir jetzt schon haben.
     
  9. huelin

    huelin Quite clear, no doubt, somehow

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    Naja, was geben die meisten Hartz-IV-Empfänger denn an die Gesellschaft zurück? Sie haben ja gar keine Gelegenheit dazu...
     
  10. Philipe

    Philipe Guest

    Richtig, habe mich wahrscheinlich bisschen schlecht Ausgedrückt. Was ich sagen wollte, dass man bei Deinem Vorschlag wieder Bedinungen stellen würde, dass es also dann kein bedinungslosen Grundeinkommen mehr wäre. Der Sinn der Sache ist aber ja auch unter anderem das dies genau nicht getan wird. Es soll ja auch die Freiheit fördern und nicht neuen Zwang schaffen.
     
  11. huelin

    huelin Quite clear, no doubt, somehow

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    Die Freiheit, den ganzen Tag mit der Bierpulle vorm Fernseher zu hocken?

    Klar, ist ein Klischee, aber das Problem bei Hartz IV ist doch die Mentalität, die dadurch entsteht, teilweise über Generationen. Eine Mischung aus Frust übers Ausgeschlossensein, Nicht-mehr-unter-die-Leute-gehen und ständigem Abhängen...

    Ich weiß nicht, was das bedingungslose Grundeinkommen daran ändern soll.
     
  12. scathatch

    scathatch New Member

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    Wenn ich das mal aus der Sicht meiner derzeitigen beruflichen Position aus betrachte, dann komme ich damit nicht richtig klar. Ich arbeite im OP eines Krankenhauses mit Notaufnahme. Durch Geldmangel. der sich eher verschlimmert als verbessert (an dieser Stelle : vielen Dank auch an Frau Ulla Schmidt), sind wir im prinzip immer im Stress. Es muss (weil die Existenz des Hauses davon abhaengt - sonst machen wir zu und Familie Bertelsmann und Familie Burda kaufen uns auf und privatisieren uns, mit weniger Gehalt versteht sich -) mehr geleistet werden in weniger Zeit und mit weniger Personal. Demnach koennten die Krankenschwester (oder alle Pflegetechnisch arbeitenden) ja ueberlegen, ob nicht in diesem Zuge entweder a) mehr Personal eingestellt wird (kostet ja weniger) oder b) Man/Frau sich nach so-und-soviel Arbeitsjahren endlich mal zur Ruhe setzen koennte (weil: genug geschuftet).
    Tja, da faellt mir keine passende Loesung ein.
    Oder man muss zwangslaeufig das System diesem Konzept angleichen. Wie das wohl aussieht?
     
  13. Philipe

    Philipe Guest

    Genau dieses "Ausgeschlossensein" könnte dadurch aufgehoben werden. Eben weil der Wert eines Menschen daran gemessen wird, ob er arbeitet. Wenn Du heute keine Arbeit hast, wirst Du somit aus der gesellschaft ausgeschlossen ohne das Du die Möglichkeit hast, etwas sinnvolles aus Deinem Leben zu machen. Dies würde sich ändern. Heute musst Du um Sozialleistungen zu erhalten, beweißen, dass Du nicht in der Lage bist, Dich selbst zu versorgen. Du musst also Dein Unvermögen darlegen. Dies ist ein entscheidender Punkt weshalb sich mancher abkapselt, krank wird, gewalttätig wird, zur Flasche greift. Das kann eine unglaubliche Belastung sein.
     
  14. Philipe

    Philipe Guest

    Ich weiß nicht ob ich Deine Post richtig verstanden habe. In diesem Fall würde das Grundeinkommen Dich ja von dem Zwang befreien aus Existenzgründen dieser Arbeit nachzugehen. Das würde Dir eine ganz neue Verhandlungsbasis eröffnen. Das Krankenhaus (ob privat oder staatlich lasse ich mal dahingestellt) müsste also nach alternativen suchen. Besser Arbeitsbedinungen, mehr Einstellungen etc. Und ja, es könnten noch weitere Krankenschwestern eingestellt werden. Es spielt ja für das Krankenhaus keine Rolle ob Du 10 Stunden am Tag arbeitest oder Du und eine Kollegin/Kollege jeweils 5 Stunden. Das Problem besteht ja darin, dass Du aus Existenzgründen gezwungen bist diese 10 Stunden zu arbeiten.

    Was meinst Du mit Konzept? Das momentane Gesundheitssystem?
     
  15. huelin

    huelin Quite clear, no doubt, somehow

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    Das Ausgeschlossensein kommt aber doch auch durch die Einstellung der anderen, die arbeiten. Und die lautet nun mal mehrheitlich: wer nix schafft, der ist asozial.
    Schon klar, aber wenn man nicht mehr nachweisen muss, dass man auf Staatshilfe angewiesen ist, dann hast du halt wieder viele Superschlaue, die das Grundeinkommen als willkommene Zusatzeinnahme zu ihren (nicht nachgeprüften) Vermögensbeständen oder Einkommensquellen kassieren...
     
  16. scathatch

    scathatch New Member

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    Wenn jede(r) in diesem System damit einverstanden ist die Arbeit mit besseren Bedingungen fortzusetzen, dann funktioniert es vielleicht. Dann aendern sich allerdings auch die Machtverhaeltnisse : schreit mich also irgendein Chefarzt an, warum auch immer, lege ich die Arbeit nieder. Schliesslich muss ich mir das nicht mehr gefallen lassen (-> keine existenzielle Notwendigkeit mehr). Dann wuede uebrigens Deutschlanweit kaum noch ein Krankenhaus funktionieren ( frag mal uebernaechtigte Assistenzaerzte, ect.). Dann kommt auch die Frage auf : warum habe ich studiert, habe mich hochgearbeitet in eine Machtposition, um diese nicht auszuueben? Muessen dann alle Chefs / Manager / Teamfuehrer, ect. ihr Konzept ueberdenken? Ist dann jeder gleich, weil niemand mehr gefuehrt werden oder bestimmt werden will? Das zieht ja groessere Kreise. Jeder kann ja im Prinzip zuhause bleiben.
    Mit Konzept meinte ich die Politische Struktur
     
  17. Philipe

    Philipe Guest

    Nee, die Einkommensquellen sind in diesem Fall ja raus, ist ja der Sinn der Negativsteuer. Die Vermögensbestände sind insoweit sicherlich ein Problem (wie auch heute), wenn man von gespartem Geld ausgeht, dass man nicht für sich arbeiten läßt. Hier sehe ich auch ein Manko darin, dass, das Geld nicht hier und nicht im Ausland ausgegeben wird. Aber wie ist das denn heute?
     
  18. scathatch

    scathatch New Member

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    Wieso sind die Vermoegensbestaende ein Problem? Viele Menschen wollen halt nicht mehr so glaesern vor dem Staat sein und ihr Vermoegen zum X- ten Mal versteuert sehen. Kann ich verstehn. Im Prinzip ist es doch o.k wenn du dein Geld dahin bringst wo du willst. Wenn du vom Manko sprichst, dass das Geld nicht ausgegeben wird, meinst du dann, das wir in einem Witschaftssystem leben, dass vom Geldfluss bestimmt wird? Oder schwebt dir was anderes vor?
     
  19. Philipe

    Philipe Guest

    Naja, den Krankenhäusern würde ja gar nichts anderes übrigbleiben sich anzupassen. Schließlich sind die Chefärzte auch auf die Krankenschwestern angewiesen. Richtig, die Machtverhältnisse würden sich ändern. Krankenschwester und Chefarzt würden sich gleichberechtigter begegnen. An dem Hierarchieaufbau ändert das nichts. Diese ist ja nicht alleine durch "anschreien" gegeben. Auch studiert ja die wenigsten medizin, um anschließend Leute anschreien zu können. Sie würden nach wie vor mehr Geld verdienen als jemand, der eine Ausbildung gemacht hat. Für die Assistenzärzte gilt in Fakto Arbeit übrigens das gleiche wie für die Krankenschwestern. Dann werden eben mehr eingestellt, die sich die Arbeit teilen... oder es müssen andere Wege gefunden werden, diese zu Arbeit zu bewegen, ohne das Konzept der "Existenzangst".
     
  20. Philipe

    Philipe Guest

    Genau, das meine ich, in erster Linie in Bezug auf die Negativsteuer... aber natürlich besteht das Problem in unserem jetztigen Sytem auch.
     
  21. scathatch

    scathatch New Member

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    Alles in allem glaube ich persoenlich nicht an die Umsetzung eines solchen Systems. Wer davon profitieren wuerde sind nun mal die, die in der Nahrungskette unten stehen. Und das System funktioniert so, dass die, die Einfluss haben ueber genuegend Geldmittel verfuegen die Karten so zu legen, wie sie moechten.
    Ich glaube, dass man fuer sich selber einen Weg finden muss, um in diesem System zurechtzukommen. Ich selbst lebe deshalb ja z.B. in Frankreich. Als Grenzgaenger komme ich in den Vorzug der Wahl des Einkaufortes (Produktabhaengig) und ich profitiere von der Familienfreundlichen Besteuerung der Grande Nation. Ausserdem finde ich die Einstellung der Franzosen zum Arbeiten und Leben einfach besser. Aber wie gesagt, dass sollte jeder fuer sich selbst entscheiden!
     
  22. Philipe

    Philipe Guest

    Nicht nur die... und selbst wenn es so wäre, wäre das schlimm?


    Das verstehe ich jetzt nicht. Wenn meinst Du jetzt genau damit? Und von welchen Karten sprichst Du?

    jetzt sprichst Du sicherlich von dem jetzigen System, oder? Und genau hier ist ja das Problem, diese Möglichkeit hat im Moment eben nicht jeder. Genau diese Möglichkeit soll ja über ein neues System geschaffen werden


    [/QUOTE]

    Das ist ein ganz anderes Thema. Du stellst jetzt einen Vergleich zwischen dem franz. Sozialsystem (bei dem es alles andere als gut läuft, ich möchte Dich nur an die Pariser Vororte erinnern) und unserem Sozialsystem her und sagst, dass Du die Gelegenheit hast, dass Du davon profitieren kannst. Aber was hat das mit dem Grundeinkommen zu tun ;) ?
     
  23. faceman

    faceman Europapokal-Tippspielsieger 2015

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    Das geht aber nur mit der Abschaffung unseres Gesellschaftssytems. Das Kapital hat die Macht und denkt nicht im entferntesten daran ...

    Wenn die, die gesellschaftlich am Rand leben von Ereignissen massivst profitieren würden, dann hätte das Kapital sich bereits zu Hauf bedient. Alles andere widerspricht dem Wesen des Kapitalismus.
     
  24. Philipe

    Philipe Guest

    Abschaffung unseres Gesellschaftsystems ist etwas übertrieben. Wir leben ja nicht im reinen Kapitalismus. Es geht hier vielmehr um eine neues Sozialsystem.

    und woher zauberst Du plötzlich das Wesen des Kapitalismus hervor? Darum geht es hier doch nur bedingt... und wie kommst Du auf die Idee, dass irgendwo die am Rande leben massivst profitieren würden. Sorry, ich verstehe nicht was Du meinst.
     
  25. Detti04

    Detti04 The Count

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    Das sind aber nunmal wirklich Klischees. Darueber hinaus ist der von Dir schon angesprochene psychologische Unterschied aber nicht zu verachten: bei der Beantragung von Hartz IV fuehlt sich der Antragsteller als Bittsteller dem Staat gegenueber, beim Grundeinkommen hat jeder ein von Grund auf verbrieftes Anrecht auf das Geld (und bekommt dieses auch). Und zwar Zeit seines Lebens, also von Geburt an.

    Zusaetzlicher Unterschied ist aber auch: findet ein heutiger Hartz IV-Empfaenger einen Job, dann erhaelt er kein Hartz IV mehr, d.h. seine finanzielle Position verbessert sich durch den Job moeglicherweise nicht sehr stark. Findet jemand mit bedingungslosem Grundeinkommen einen Job, so verdient er Geld komplett obendrauf, denn das ist ja der Witz beim bedingungslosen Grundeinkommen: jeder bekommt es, unabhaengig von seinen finanziellen oder sozialen Gegebenheiten. Damit ist die Motivation, einen Job zu finden, moeglicherweise viel groesser als heute.

    Wie man leicht erkennen kann, bin ich absolut fuer ein bedingungsloses Grundeinkommen.
     
  26. huelin

    huelin Quite clear, no doubt, somehow

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    Das würde Deutschland aber sehr attraktiv machen. In den meisten Ländern gibt es ja nicht mal ein an Bedingungen gebundenes Grundeinkommen.
     
  27. Philipe

    Philipe Guest

    Ja, aber Du vergisst, dass Deutschland schon jetzt recht interessant sein kann. Da gibt es Regelungen wer unter welchen Bedinungen welchen Aufenthaltstatus bekommt. Ist ja auch heute nicht so, dass jeder Migrant automatisch in das bestehende Sozialsystem mit gleichen Rechten und Pflichten eingebunden wird...
     
  28. Ichsachma

    Ichsachma J'aime soleil

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    Ich weiß nicht, wie alt Du bist, daher stelle ich mir die Frage, wie 'vital' Du die Euroumstellung miterlebt hast.

    Ich schätze, dass ungefähr die Hälfte der aktuellen Bevölkerung immer noch ab und an umrechnet, dass die kleine Pizza heutzutage "ungefähr 8 Mark" und der Fiat Panda heute eben "ungefähr 24.000 Mark" kostet.

    Was ich damit vereinfacht bereits jetzt sagen will: Bis man aus den Köpfen heraus bekommt, dass sich der Wert eines Menschen nicht mehr über seine Leistung bestimmt, gibt es wohl die Menschheit nicht mehr...
     
  29. Itchy

    Itchy Vertrauter

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    Wobei man dann den Begriff "Leistung" definieren müsste. In der Steinzeit berechnete sich die Leistung beispielsweise über den Beitrag an Nahrungsmitteln für die Gruppe. Als der Mensch dann nach und nach immer bessere Hilfsmittel für die Jagd und das Verarbeiten von Rohstoffen erfunden hatte und immer weniger Zeit zur Nahrungsbeschaffung vonnöten war, gewannen andere Leistungen an Stellenwert, bis hin zur Kunst. Für die Entwicklung des Menschen ein äusserst wichtiger Schritt.

    Unser Leistungsbegriff ist letztlich definiert von Technokraten und Betriebswirten. Viele Leistungen mit nicht meßbaren unmittelbaren Auswirkungen haben heute einen viel zu geringen Stellenwert. Hier müsste man parallel ansetzen.
     
  30. Ichsachma

    Ichsachma J'aime soleil

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    Sämtliche Deiner Beispiele haben eines gemein: Sie haben Nutzen - in welcher Richtung auch immer - davongetragen.

    Und dieser Gedanke ist es, den viele Menschen im Hinterkopf haben werden: Warum bekommt jeder erst einmal eine Leistung, ohne das er in irgendeiner Form erquickend zu irgendetwas beigetragen hat.

    Ich meine, diese Denke ist so fundamental in jedem verankert - ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man ihn im Laufe dieses Jahrtausends aus den Köpfen bekäme.

    Denn auch diejenigen, denen auf diesem Wege 'vorurteilsfrei' begegnet werden soll, werden immer noch vor Augen haben:

    Ich habe nur mein Grundeinkommen und andere haben mehr.

    Ud außerdem hätte ich von Dir gewünscht, dass Du unser Gesprächsthema vom 22.09. vor Beginn der Krise hier aufgegriffen hättest. Den Gedanken, den Du am selben Tag als Antwort in einem anderen Thread angefangen hast, musst Du hier unbedingt noch einmal aufgreifen...
     
  31. Itchy

    Itchy Vertrauter

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    Das Letzte zuerst. Ich rede soviel, daß ich manchmal nicht mehr genau weiß, was ich wann gesagt habe. Hilf mir mal auf die Sprünge.

    Dein Argument, daß ungeachtet der Leistung jemandem etwas zusteht, teile ich sogar - teilweise.
    Ja, wir brauchen Leistungsanreize, sie muß sich bezahlt machen. Aber man muß dafür einen Rahmen setzen. Und wer nichts leisten WILL, der muß das auch spüren. Aber um das beurteilen zu können, müssen wir die Rahmenbedingungen ändern, müssen wir erst einmal selektieren und das geht nur darüber, daß auch jeder die Chance bekommt, etwas zu leisten. Das beginnt mit unserem Bildungssystem, das in einer enormen Schieflage ist. Mehr als ein Gutachten weißt aus, daß nirgends sonst die Chancenungleichkeit schon in der Schule zwischen Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft so groß ist wie bei uns. Und das setzt sich fort bis zur Besetzung von Führungspositionen in den Betrieben. Alleine das Potential, das dort verschwendet wird.

    Da fällt mir ein, meinst Du daß ich gesagt hatte, Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern auch ein Teil der Identität des Menschen? Ja, dazu stehe ich.
    Es ist ja schon das Beispiel des Sozialhilfeempfängers, der den ganzen Tag mit der Bierflasche qualmend vorm Fernseher sitzt, bemüht worden. Und das Klischee gibt es ja auch in der Realität, streite ich gar nicht ab. Es ist aber ein Ausdruck, über den man sich nicht mokieren sollte, sondern daß uns warnen sollte. Es ist ein Ausdruck eines Lebens ohne sinn, ohne Inhalt. Und das gibt es in ganz vielen Abstufungen und vielerarts. Das sind die Menschen, die als erstes durch unser gesellschaftliches Netz gefallen sind oder zu fallen drohen, die Schwächeren, die für deren Leistungspotential es keine Anforderungen mehr gibt. Was tun? 1-Euro-Job, den Schlag ins ohnehin nicht mehr vorhandene Selbstwertgefühl?

    Wie gesagt, wir können gerne versuchen, auf den bereits eingeschlagenen Gebirgspfaden weiterzuwandeln, dabei zu hoffen, nicht zu denen zu gehören, die den Abhang runterstürzen, wir können aber auch versuchen, Serpentinen in den Stein zu schneiden, die (fast) jeder hochzukommen vermag.
    Eine radikale Umstrukturierung der Gesellschaft funktioniert nur unter Zwang und selbst da nicht und kostet zahllose Opfer. Aber eine schrittweise Umstellung eines jeden ist unbedingt von Nöten für die weiterentwicklung und damit auch das Überleben der Gesellschaft. Das geht nicht einseitig, da müssen viele gehört werden, die Vertreter aller Interessenslagen, auch die, die selbst wenn sie gefragt werden, kaum etwas sagen können.

    Amen