Artikel: St. Pauli Fans contra Kommerz

Dieses Thema im Forum "Kneipe" wurde erstellt von André, 28 Dezember 2010.

  1. André

    André Foren-Capo Administrator

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    12797Bei Sankt Pauli läuft es richtig gut, könnte man meinen. Der sportliche Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga und der Ausbau des Millerntor´s in ein modernes Fußballstadion, solche Aussichten gab es lange nicht mehr beim Kiezclub.

    Doch gerade in den eigenen Reihen formiert sich Widerstand, gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Kultclubs von der Reeperbahn. Dabei geht es vielen Fans um folgendes:

    Unsere Insel Sankt Pauli in einer Welt, die nur noch auf die monetäre Verwertbarkeit von allem und jedem schaut. Unsere Andersartigkeit auf dem Marktplatz Profifussball.

    Es wurde wohl vor längerer Zeit ein Fan-Kongress auf die Beine gestellt, bei dem der Club und seine Fans sich auf folgende Eckpunkte einigten:

    • soziale und politische Verbundenheit mit dem Stadtteil Sankt Pauli
    • 90 Minuten Fussball ohne Firlefanz und Werbung drumherum
    • Eine Zeitspanne von 5-10 Minuten vor dem Spiel, in dem die Akustik des Stadions den Fans gehört.
    • Keine Verträge mit Sponsoren, die im Verdacht stehen faschistisch, rassistisch, homophob, sexistisch oder kriegstreiberisch zu agieren
    • Kein Verkauf des Stadionnamens
    • Keine Werbemaßnahmen, die vom Spielgeschehen ablenken
    • Fan und Vereinsseitiger Dialog bei Fragen zur Umsetzung dieser Leitlinien
    • Ticketverteilung im Sinne der Mitglieder
    Nun wird moniert, dass die Punkte nach und nach seitens des Vereins aufgeweicht werden. Nich von heute auf morgen, sondern langsam, aber nachhaltig.

    Folgende Punkte sind es die einen Teil der Sankt Pauli Fans nachhaltig an der Umsetzung der Eckpunkte aus dem Kongress zweifeln lassen:

    • Es wird eine Haupttribüne gebaut, die zur Hälfte aus Businessseats besteht.
    • Dann werden doppelt so viele Logen gebaut wie geplant.
    • Dann wird eine der Logen an eine Stripteasebar verhökert, die dort Frauen leicht bis gar nicht bekleidet an Stangen tanzen lassen dürfen.
    • Dann wird die Mannschaftsaufstellung plötzlich von einem Sponsor präsentiert.
    • Ein Cola-Rotwein-Ballermanngemisch darf trotz vehementer Proteste offizielles Vereinsgetränk bleiben.
    • Dann werden neue Hintertor-Netze aufgehangen, die so dick sind, dass man kaum durchgucken kann, aber den Sponsorennamen gut abbilden.
    • Dann darf eine Bank in einer Zugebauten Ecke des Stadions in riesigen Lettern auf grauem Beton ihren Schriftzug darbieten.
    • Dann darf eine Werbeagentur plötzlich in einer anderen Ecke ihrer kreativen Kundschaft in selbstgebauten Containern auf Stelzen einen exklusiven Abend bereiten.
    • Dann werden Toiletten zugunsten von Stellflächen für Medien kurzerhand abgeklemmt.
    • Und nun werden LED Laufbänder an drei Seiten des Stadions montiert, auf die Zuschauer ihre SMS kostenpflichtig laufen lassen können.
    Die konkreten und zusammengefassten Forderungen der Fans sehen wie folgt aus:

    • Keine weiteren, zusätzlichen Werbemassnahmen in den vom Fankongress verabschiedeten Zeitfenstern!
    • Keine weiteren Werbeflächen auf den Tribünen!
    • Kündigung von Susis Showbar Loge!
    • Keine LED-Anzeigen mehr im Stadion und generell keine weiteren audiovisuellen Plätze für irgendeine Werbung während der 90 Minuten!
    • Rückbau von Teilen der Business-Seats auf der neuen Haupttribüne und Umwandlung in bezahlbare Sitzplätze!
    • Bereitstellung von Farbe damit die Kinder der Stadionkita ihre grauen Wände in Eigenverantwortung anmalen können!
    • Keine weiteren bloßen Lippenbekenntnisse des Präsidiums und der Vermarktung, wir sind es leid!
    Dabei sind die Aussagen wirklich ernst gemeint und kein kleiner Boyxkott der sich nach wenigen Tagen wieder beruhigt, wie man an folgenden Aussagen erkennen kann:

    Wir werden sowohl den Verzehr wie auch den Stadionbesuch an sich boykottieren.
    Wir werden Sponsoren mit Mails bombardieren, mit der Presse arbeiten, eine ausserordentliche Mitgliederversammlung beantragen.


    Die Zeit der Treffen ist vorbei. Es reicht!

    St. Pauli war immer der etwas andere Club, und würde man jetzt die gleichen Verhaltensmuster wie alle anderen Clubs der Bundesliga zeigen, dann könnte man sich das "Kult" wohl streichen. Den worin würde dann noch ein Unterschied zu anderen Clubs bestehen? Worin läge dann die Andersartigkeit?

    Auf der anderen Seite ist es natürlich auch nicht ganz einfach für die Verantwortlichen, die den Spagath schaffen müssen, einerseits im Haifischbecken Bundesliga zu überleben, und andererseits die Fans nicht zu viel in Sachen Kommerzialisierung zuzumuten. Einige Fans sehen nun die Grenzen bereits überschritten, und so darf man gespannt sein für welchen Weg der FC St. Pauli sich in der Zukunft entscheidet.

    Die Frage dabei wird sicher auch sein, wie groß und wie massiv wird sich der Widerstand ausweiten? Ein kleines Lüftchen ist für die Verantwortlichen zu vernachlässigen, aber wer die Pauli Fans kennt, und weiß wie diese in der Vergangenheit zusammengestanden haben, der kann sich vorstellen, dass das kleine Lüftchen bald zu einem ungemütlichen Hurrikan für die Vereinsführung werden könnte.

    Bildquelle: pugbowler.de
     
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    hm also wenn es so ein Abkommen damals wirklich gab und die Pauli-Fans konsequent vorgehen, dann wird es spannend sein, zu beobachten, wie sich die Sache entwickelt...
     
  4. André

    André Foren-Capo Administrator

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    Eigentlich nin ich ja der Ansicht, dass man sich schon ein Stück weit prostituiren muss, wenn man in der Bundesliga bestehen will.

    Bei Gladbach gab es eine Firma, die den Stadionnamen kaufen wollte. Die wollten das Stadion allerdings blau anstrahlen, und da hat man lieber drauf verzichtet, obwohl man die Millionen gut hätte gebrauchen können. Man muss halt eben auch nicht alles mitmachen.

    Bei Pauli ist das ganze ja noch ein Stückweit konservertiver. Aber so ist Pauli eben und so kennt und liebt man es, den Logenbunker am Millerntor habe ich nie verstanden, der passt gar nicht zum Club. Ich finde man sollte sich da schon ein Stück weit treu sein, und nicht beim erstbesten Angebot sein jahrelanges Image, für das einen die Fans lieben, über Bord werfen.